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Frühgeburt
Darmerkrankung

Gut leben mit Morbus Crohn

Morbus Crohn ist eine verborgene Krankheit. Mehr als 300.000 Menschen in Deutschland leiden unter der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung. Die Dunkelziffer wird noch viel höher geschätzt. Dabei lässt sich mit einigen Hilfen ein fast normales Leben führen.

 
 

Tief, tief, tief einatmen … und stopp.“ Professor Dr. Christoph Dietrich gleitet mit dem Schallkopf über Gaby Hauschilds Bauch. Den Monitor neben der Untersuchungsliege hat er so gedreht, dass seine Patientin die Ultraschallbilder mitverfolgen kann. Er deutet mit dem Zeigefinger auf eine kleine hellgraue Blase mit schwarzem Inneren: „Hier sehen wir am Unterrand der Leber die Galle sehr schön. Weiteratmen.“ Die 37-Jährige ist zur jährlichen Kontrolluntersuchung im Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim. Vor 18 Jahren wurde bei ihr die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn diagnostiziert. Jetzt untersucht Professor Dr. Dietrich die weiteren Verdauungsorgane: Nieren, Bauchspeicheldrüse und Darm. Komplikationen wie Steine, verstopfte Blutgefäße oder Entzündungszeichen entdeckt er nicht. Die jährliche Ultraschall-Untersuchung ist für ihn dennoch wichtig: „Nur wenn wir sie frühzeitig erkennen, können wir solchen Veränderungen rechtzeitig entgegentreten.“


Diagnose: Morbus Crohn

Der Chefarzt der Medizinischen Klinik 2 und seine Patientin sind heute erleichtert und zufrieden. Das aber war nicht immer so. Mit eher unspezifischen Symptomen hatten 1999 die Probleme bei der damals 19-Jährigen begonnen. „Mein Hausarzt vermutete aufgrund von Durchfall und Erbrechen zunächst einen Magen-Darm-Infekt“, erzählt Gaby Hauschild. Weil die Symptome aber nicht abklangen, wurde sie nach vier Wochen und zehn Kilo Gewichtsverlust ins Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim überwiesen. Hier stand die Diagnose bereits nach zwei Tagen fest: Morbus Crohn.

 
 

Der Entzündung auf der Spur

„Um die Diagnose rasch und richtig stellen zu können, nehmen wir Blut ab, tasten den Bauch ab, machen Ultraschall, kontrollieren während einer Magen- und
Darmspiegelung das Entzündungsmuster im Darm und entnehmen Gewebeproben“,
erklärt der Experte. „Wichtig ist es, andere – auch bösartige – Erkrankungen auszuschließen.“ Gesucht wird nach typischen Entzündungszeichen. Morbus Crohn tritt am häufigsten im Alter zwischen 15 und 35 Jahren erstmals auf. Es kann den gesamten Verdauungstrakt vom Mund bis zum After betreffen. In den häufigsten Fällen ist die Stelle befallen, an der der Dünndarm in den Dickdarm übergeht. Die Krankheit verläuft in Schüben und ist nicht heil-, aber behandelbar, sodass in den meisten Fällen ein normales Leben möglich ist.

Verdacht: chronisch-entzündliche Darmerkrankung

Professor Dr. Dietrich: „Die Patienten mit Verdacht auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung kommen in der Regel nach einem länger dauernden Leidensweg zu uns, den sie nicht wirklich als Krankheit wahrgenommen haben: Bauchschmerzen, häufiger Stuhlgang und Durchfall. Doch eine Komplikation wie eine eitrige Fistel im Darm zwingt sie spätestens dann ins Krankenhaus.“

Was ist Morbus Crohn

Morbus Crohn, kurz MC, ist eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung, die von der Mundhöhle bis zum After auftreten kann und in Schüben verläuft. Meist sind der untere Dünndarm und der Dickdarm betroffen. Es wechseln sich befallene und gesunde Abschnitte ab. Aber auch andere Organe wie Gelenke oder Augen können betroffen sein. MC gilt als Autoimmunerkrankung, da eine Immunantwort des eigenen Körpers die Darmschleimhaut schädigt. Symptome sind Bauchschmerzen und (blutiger) Durchfall bis zu 10- bis 20-mal pro Tag und auch nachts. Auch Fieber, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit, Übelkeit und Erbrechen können vorkommen. Bei Kindern kann eine Wachstumsverzögerung das einzige Symptom sein.

Als Komplikationen können auftreten: Darmverschluss, Fisteln oder Abszesse am After, Darmkrebs, Osteoporose bedingt durch Mangelernährung (Nährstoffe,
Eisen, Vitamine etc.), Gallen-/Nierensteine. Die Diagnose umfasst Labor, Ultraschall, Röntgen oder Magnetresonanztomografie (MRT), Magen- und
Darmspiegelung, Gewebeprobe.

Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen, meist tritt MC zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr zum ersten Mal auf. Zu den Risikofaktoren zählen
eine genetische Veranlagung, Übergewicht, Rauchen, Antibabypille. Da die Ursachen bis heute nicht geklärt sind, kann nur symptomatisch behandelt werden. Mittel der Wahl sind unter anderem Kortison, Azathioprin sowie Biologicals (gentechnisch hergestellte Eiweiße), die die Abwehr-Reaktion des Körpers reduzieren. Da Symptome wie häufige Durchfälle die Lebensqualität der Patienten stark einschränken, können sich Ängste und Depressionen entwickeln, die behandelt werden sollten.

Schock mit 32 Jahren

Auch Gaby Hauschild sollte das nicht erspart bleiben. Dreizehn Jahre nach der Diagnose und einem Leben mit vielen Einschränkungen im Alltag, bekommt sie im Sommer 2012 kaum auszuhaltende Schmerzen im Enddarm, sodass ihr Freund sie sofort ins Caritas-Krankenhaus fährt. Am Schließmuskel hat sich eine eitrige Fistel gebildet – eine typische Komplikation des Morbus Crohn. Eine OP bringt nur vorübergehend Abhilfe. Wenige Wochen später tritt erneut eine eitrige Fistel auf. Der Schock für die damals 32-Jährige ist groß, als ihr die Ärzte erklären, dass die Anlage eines Stomas, also eines künstlichen Darmausgangs, das einzige Mittel der Wahl sei.


Neue Lebensqualität dank Stoma

„Das war schlimm für mich mit Anfang 30. Ich kannte niemanden, der das hatte“, erinnert sich Gaby Hauschild. Dass das Stoma ihre Lebensqualität tatsächlich wieder zurückbringen würde, dass es Hobbys wie die geliebten Kreuzfahrten in alle Welt wieder möglich machen würde, dass sie wieder normal essen und ein Jahr später eine wunderschöne Hochzeit mit ihrem Freund feiern würde, das wusste sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Die richtige Therapie finden

Die Behandlung der Morbus-Crohn-Patienten versteht das Team im Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim als eine „umfassende Lebensbegleitung“. Chefarzt Professor Dr. Christoph Dietrich: „Das wesentliche Merkmal einer
vertrauensvollen Arzt-Patienten-Beziehung ist das Zuhören und Verstehen des Patienten. Die Diagnose einer chronischen Krankheit ist für jeden Patienten erst einmal ein Schock, der verarbeitet werden muss. Bei meinen Gesprächen muss ich daher berücksichtigen, dass der Patient von meinen ersten Erklärungen nur sehr wenig aufnehmen kann.“

Um die optimale Therapie zu finden, sei jeder Patient nach der allgemeinen Diagnosestellung individuell zu betrachten: „Wo liegen seine Neigungen und Hobbys, braucht er eher Autogenes Training oder einen sportlichen Ausgleich?“ Neben der Ernährungsberatung gebe es auch den Sozialdienst des Krankenhauses, der arbeitsrechtliche oder finanzielle Fragen weiterleiten kann. „So braucht ein Lkw-Fahrer mit Morbus Crohn aufgrund der
Durchfälle vielleicht eine berufliche Alternative.“ Auch die Familienplanung sei ein großes Thema. Selbsthilfegruppen empfiehlt Professor Dr. Dietrich ausdrücklich: „Sie geben Rückhalt und bieten viele Alltagstipps.“ Die größte Herausforderung für die Patienten sei es, zu verstehen, dass sie in den meisten Fällen mit kleinen Einschränkungen, Hilfsmaßnahmen oder Medikamenten ein normales Leben führen könnten.

Selbsthilfegruppe:
Deutsche Morbus Crohn/
Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) e.V.
www.dccv.de

Unterstützung von allen Seiten

Wie sie die ersten Tage und Wochen nach der OP überstanden hat? „Meine Familie, mein Freund und meine Arbeitskollegen haben mich damals aufgefangen.“ Aber auch in der Klinik fand sie Unterstützung: „Die Ärzte besprachen mit mir ausführlich die OP und legten mir ans Herz, meine Lieblingshosen mitzubringen, damit der Ausgang so gelegt werden kann, dass der Hosenbund nicht stört“, schmunzelt Hauschild. Auch die anfängliche Scheu, mit einer älteren Stoma-Patientin in einem Zimmer zu liegen, erwies sich als unbegründet. Schon bald wusste sie die weise Entscheidung des Pflegepersonals zu schätzen: „Meine Mitpatientin lebte seit 40 Jahren schon sehr gut mit einem Stoma und hat mir viele Fragen beantwortet und mir toll über die erste Zeit hinweggeholfen.“


Hilfe vom Ernährungsteam

Mit Hilfe des Ernährungsberatungsteams der Klinik lernte die junge Frau, was sie speziell verträgt und was nicht, und auf was sie achten muss, um eine Mangelernährung zu verhindern. Die Selbsthilfegruppe, die sie einige Mal besuchte, spornte sie an, ihr Leben mit Stoma zu meistern: „Wenn die das hinkriegen, schaffst du das auch!“

Unsere Geräte für die Diagnostik sind auf dem neuesten Stand. Vor allem aber haben wir ein hochspezialisiertes therapeutisches Team und legen Wert auf eine persönliche Betreuung unserer Patienten.


"Mir geht es heute richtig gut"

Und wie geht es ihr heute? Professor Dr. Dietrich und Gaby Hauschild nicken sich lächelnd zu. „Mir geht es heute mit dem Stoma richtig gut“, erzählt die 37-Jährige. „Ich habe keine Schmerzen mehr und kann alles essen. Ich lebe seit einem Jahr komplett medikamentenfrei, wir reisen wieder, wohin es uns gefällt, und ich hoffe, dass alles so bleibt.“ Dass manche Menschen zu viel Offenheit im Umgang mit der Krankheit nicht ertragen, stört sie nicht. Auch an die Blicke auf den hautfarbenen, blickdichten Stuhlgang-Beutel, der am künstlichen Darmausgang vorne
am Bauch befestigt wird, hat sie sich gewöhnt. „Trotzdem fände ich es angenehmer,
wenn mich die Leute einfach danach fragen würden, statt nur zu starren“, sagt sie.


Gute Zukunftsaussichten

Professor Dr. Dietrich und sein Oberarzt Dr. Werner Vey, der die Patientin seit vielen Jahren betreut, freuen sich über den gelungenen Therapieverlauf: „Nach unseren Erfahrungen sind die Zukunftsaussichten bei ihr gut. Sie hat jeglichen Leidensdruck verloren und hat mit dem Stoma in den vergangenen Jahren wieder eine sehr hohe Lebensqualität erreicht“, unterstreicht Dr. Vey. „Sie kann wieder so leben, wie sie will.“ Da das Stoma den Enddarm vor Stuhlgang schützt und diesen vorher über den künstlichen Ausgang abführt, ist sie symptomfrei. „Das funktioniert so sehr stabil“, bekräftigt der Facharzt.

In der Tat auch ein Erfolg des Caritas-Krankenhauses: „Unsere Geräte für die
Diagnostik sind auf dem neuesten Stand. Vor allem aber haben wir ein hochspezialisiertes therapeutisches Team und legen Wert auf eine persönliche Betreuung unserer Patienten“, so Professor Dr. Dietrich. Die medikamentöse Therapie habe sich in den vergangenen Jahren so stark verbessert, erklärt der Chefarzt weiter, dass die OP-Rate deutlich gesunken sei. „Das verleitet manchmal dazu, mit der Operation noch zu warten“, sagt er. Gaby Hauschild ist froh, dass sie damals operiert wurde: „Meine Lebensqualität heute ist perfekt“.

Text: Anke Faust | Fotos: Harald Oppitz | Video: Melina Schütz, Salvatore Tesoro

 
 
 
 
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