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Mehr als nur Bilder machen - Interventionelle Radiologie

Was früher zwei Wochen Krankenhaus bedeutet hätte, lässt sich heute ambulant oder während eines kurzen Klinikaufenthalts behandeln: Die Interventionelle Radiologie bietet Diagnose und Therapie in einem. Die Erfolgsgeschichte einer für den Patienten schonenden  Hightech-Medizin.

 
 

Mehr als Bilder machen - Interventionelle Radiologie

Es pikst. Aber nur kurz. Nachdem die Einstichstelle rund um die Schlagader in der linken Leiste betäubt und der Arbeitskanal an seinem Platz ist, schiebt Privatdozent Dr. Ulrich Baum den Diagnostikkatheter vorsichtig im Blutgefäß entlang. „Ich spritze jetzt Kontrastmittel hinein, damit wir die Stelle auf den Röntgenkontrollfotos gleich noch besser sehen können.“ Auf dem OP-Tisch liegt Paul Landwehr. Der 66-Jährige hat in den vergangenen Jahren schon einige Eingriffe wegen verengter Beinarterien mitgemacht, denn er hat eine periphere arterielle Verschlusskrankheit, landläufig als „Schaufensterkrankheit“ bekannt. Der bewegliche Röntgenapparat hängt so groß wie eine dicke Aktentasche am Roboterarm ganz nah über ihm. Er muss jetzt mithelfen. Dr. Baum gibt ruhig seine Atemkommandos: „Einatmen, ausatmen … nicht atmen, nicht bewegen, weiteratmen.“ In dieser kurzen Zeit schießt das Röntgengerät lautlos 15 bis 30 Bilder, die sofort über den Fortgang der Behandlung entscheiden.

Das ist das Verdienst der sogenannten Interventionellen Radiologie (IR), einer modernen Sparte der Radiologie.Statt wie früher nur diagnostische Bilder mithilfe von Röntgengeräten, der Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT) für andere Abteilungen anzufertigen, können die Radiologen heute direkt „intervenieren“, also behandeln. Privatdozent Dr. Ulrich Baum, Chefarzt des Instituts für Diagnostische und Interventionelle Radiologie am Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim: „In der IR verwenden wir für die Behandlung peripherer Arterienverkalkungen sehr dünne Materialien, kommen so in immer schmalere Gefäße hinein und brauchen nur einen kleinen örtlich betäubten Schnitt in der Leiste.“ Diese minimalinvasive Kathetertechnik während eines in der Regel gerade mal eineinhalbtägigen Krankenhausaufenthalts ist für Patienten ausgesprochen schonend. Zum Vergleich: Früher verbrachte der Patient nach der OP am offenen Bein inklusive Vollnarkose zwei Wochen in der Klinik. Das ist auch ein Grund, warum sich Paul Landwehr schnell für den Eingriff per IR begeistern konnte: „Wenn man als Selbstständiger die Wahl zwischen zwei Wochen oder eineinhalb Tagen Krankenhaus hat, dann ist doch klar, was man wählt.“

"Das ist wie fernsehkucken"

Im Angiografieraum studiert Dr. Baum unterdessen eingehend die Röntgenbilder auf den drei großen Monitoren, die vor ihm von der Decke hängen. Es ist still. Die beiden medizinisch-technischen Röntgenassistenten Helmut Wöhrbach und Anna Deister, beide in schweren Strahlenschutzmänteln wie der Radiologe, warten geduldig: Wöhrbach am Instrumententisch und Deister im Vorraum, falls Nachschub, Protokolleinträge oder Computerbilder gebraucht werden. Schließlich deutet der Arzt auf einen hellen Abschnitt in einer sonst dunkelgrau erscheinenden Blutbahn und erklärt dem Patienten, was er jetzt vorhat: „Hier sehen Sie die verengte Stelle mit den Ablagerungen. Die werden wir jetzt mit einem Ballonkatheter wegdrücken und das Gefäß so weiten, dass wieder
ausreichend Blut hindurchfließen kann. Das kann ein bisschen drücken.“ Doch Paul Landwehr spürt nichts: „Das ist wie Fernsehgucken. Kann man sich gar nicht vorstellen, dass das in einem selbst gerade passiert.“ Dr. Baum freut sich: „Unsere modernen flexiblen Geräte sind auf dem aktuellsten Stand. Die Strahlenbelastung wurde, seit Sie das letzte Mal bei uns waren, schon wieder verringert.“

Interventionelle Radiologie

Rund 600 Patienten mit Gefäßproblemen behandelt die IR des Caritas- Krankenhauses pro Jahr. Der Grund: Immer mehr Menschen sind aufgrund von Rauchen, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Diabetes oder Übergewicht von Arterienverschlusserkrankungen betroffen. In höherem Alter sind das rund 20 Prozent der Bevölkerung. „In unserem Gefäßzentrum bieten wir das gesamte Spektrum der Diagnostik und Therapie bei Gefäßerkrankungen an. Im frühen Stadium reichen oft eine Änderung des Lebensstils oder blutverdünnende
Medikamente“, erklärt der Arzt. Nicht immer lasse sich eine operative Therapie wie eine Bypass-Anlage vermeiden. Häufig gelinge es aber, den Gefäßverschluss in der modernen DSA-Anlage (Digitale Subtraktionsangiografie) mit einem interventionellen Eingriff unter Röntgenkontrolle zu weiten. Dr. Baum zieht Bilanz: „Mit Hilfe der Interventionellen Radiologie können wir heute vielen Menschen eine Fuß- oder gar Beinamputation ersparen.“

Auch bei Schmerzen und Tumoren

Neben den Arterienverschlusserkrankungen an Becken- und Beinarterien, Hals- und Bauchschlagader stehen noch weitere Anwendungsgebiete auf dem Behandlungsplan der IR-Spezialisten: „Zur Unterstützung der Schmerz- oder Tumortherapie bringen wir Medikamente mittels dünner Nadeln unter CT-Kontrolle exakt an Nerven und Gelenke, wir verschließen Gefäße gezielt, zum Beispiel um Blutungen zu stillen oder Tumore von der Blutversorgung abzuschneiden. Außerdem können wir Gewebeproben aus Lunge, Weichteilen und Knochen für das Labor nehmen.“ Letzteres optimiere die anschließende Tumorbehandlung von krebserkrankten Menschen. Nicht zuletzt deshalb möchte Dr. Baum die Behandlungsmethode für die Tumorbehandlung weiter ausbauen.

Im Angiografieraum kontrolliert der Mediziner auch gleich noch das rechte Bein des Patienten. „Also hier haben wir ebenfalls eine Engstelle im Oberschenkel. Die werde ich in der nächsten Gefäßkonferenz besprechen: Entweder weiten wir oder wir legen einen Stent“, überlegt Dr. Baum. „Da müssen wir auch abwägen, wann wir das behandeln.“ Damit sich in den geweiteten Gefäßen, Stents und Bypässen nicht wieder so schnell neue Ablagerungen ansammeln, spritzt Dr. Baum noch im Angiografieraum Medikamente ein. 70 Prozent der behandelten Stellen bleiben rund zwei Jahre offen. Für die Patienten ist das ein großer Gewinn. Paul Landwehr konnte vor seinen Eingriffen oft nur noch kurze Strecken gehen, ohne dass er schmerzgeplagt stehen bleiben musste: „Da fühlten sich 300 Meter wie ein ganzer Marathon an.“

Abstimmung in der Gefäßkonferenz

Die Entscheidung, Paul Landwehr mit der IR statt einer konventionellen chirurgischen Operation zu behandeln, war in der interdisziplinären Gefäßkonferenz des Krankenhauses getroffen worden. Dort beraten einmal wöchentlich Gefäßchirurgen, Internisten, Neurologen und Radiologen, um die jeweils bestmögliche Therapie für jeden Patienten festzulegen.

Fertig. Langsam zieht der Radiologe Diagnosekatheter und Gefäßzugang aus der Leiste des Patienten heraus. Unter dem schweren Bleimantel und dem sterilen OP-Gewand wird es schnell warm. Leicht verschwitzt, aber zufrieden lächelnd zieht sich Dr. Baum die OP-Haube vom Kopf: „Wir haben aus dem Feldweg wieder eine Bundesstraße gemacht. So soll es sein, fast wie neu.“

Noch zehn Minuten abdrücken, Druckverband anlegen, dann wird Paul Landwehr auf Station verabschiedet. Dort bleibt er die nächsten 24 Stunden zur Beobachtung. Dr. Baum ist zufrieden. Mit seinem Team hat er wieder einem
Patienten Erleichterung verschaffen können. Für solche Eingriffe sind Experten mit ausgeprägtem Fingerspitzengefühl gefragt – für die Geräte und die Situationen. „Nach einem Jahr hat man zwar die Standardeingriffe gelernt, aber den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden sowie mit kniffligen Fällen, Fehlbildungen oder Gefäßrissen im Akutfall richtig umgehen zu können, dazu bedarf es schon ein paar Jahre Erfahrung“, zieht Dr. Baum Bilanz. Auf die Frage, ob die Interventionelle Radiologie die Medizin der Zukunft sei, legt er den Kopf leicht schräg und wählt seine Worte mit Bedacht: „Wir können immer mehr machen, das stimmt. Aber: Wir müssen abwägen, was wirklich Sinn hat und was die Lebensqualität unserer Patienten tatsächlich verbessert.“ Es habe keinen Sinn, nur Bilder machen zu wollen, damit sie gemacht sind. Spricht’s, zieht sich um und geht aus dem OP, zurück an den Schreibtisch. Es gibt viel zu tun.

TEXT: ANKE FAUST | FOTOS: ELISABETH SCHOMAKER

 
 
 
 
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