10.12.2025
Beim Patiententag „Leben mit Krebs“ konnten die Besucherinnen und Besucher am vergangenen Freitag im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim umfassende Informationen zu aktuellen Therapiemöglichkeiten sowie zu begleitenden Unterstützungsangeboten mitnehmen. Durch neue Forschungsergebnisse entwickeln sich dabei immer differenziertere Behandlungswege für die betroffenen Patienten.
Die erforderlichen umfangreichen diagnostischen und therapeutischen Strukturen stehen dafür im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim unter dem Dach der onkologischen Zentren alle zur Verfügung, betonte der Leiter des Onkologischen Zentrums Privatdozent Dr. Matthias Woenckhaus in seiner Begrüßung.
Personalisierte Therapie bei Brustkrebs
„Wir erleben zurzeit eine rapide Entwicklung bei den Therapiemöglichkeiten des Mammakarzinoms, jedes Jahr kommen neue Medikamente hinzu“, machte die Leiterin des zertifizierten Brustzentrums am Caritas-Krankenhaus Annette Gudewill deutlich. Die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, mit den Schwerpunkten onkologische Diagnostik und Therapie (AGO) sowie ganzheitliche gynäkologische Onkologie (NATUM) gab einen Überblick über die verschiedenen Therapieverfahren bei Brustkrebs. Grundsätzlich gehe der Trend weg von der Chemotherapie hin zu den zunehmend personalisierten, zielgerichteten Therapien. „Grundlage dafür ist eine umfassende Diagnostik und komplette Histologie des Tumors, damit wir entscheiden können, welche Therapie in welchem Stadium bei welcher Art und Größe des Tumors am besten wirken kann.“ Auf Grundlage dieser Untersuchungsergebnisse werde der Tumor in Risikoklassen eingeteilt und davon ausgehend die Therapie bestimmt. Bei einigen Tumoren könne z.B. eine reine Anti-Hormontherapie ausreichen, um das Wachstum der Krebszellen zu unterdrücken, während in anderen Fällen eine ergänzende oder alleinige Chemotherapie verabreicht werden muss – bei Hochrisikotumoren in der Regel vor einer Operation.
Bei der Immuntherapie wird gezielt das körpereigene Immunsystem in der Erkennung der Krebszellen unterstützt. „Gezielt wirkt auch eine Chemotherapie mittels ADC, bei der der Wirkstoff an einen Antikörper gekoppelt, direkt in die Krebszelle eingeschleust wird“, so Annette Gudewill. Dabei ist der Gynäkologin eines wichtig: „Brustkrebs betrifft immer den ganzen Körper, wir behandeln den ganzen Menschen und nicht nur einen Tumor.“


Neue Therapieoptionen für Patienten mit
metastasiertem Prostatakrebs
Auch die
Behandlung des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms hat sich in den vergangenen
Jahren deutlich verändert. Moderne Bildgebung wie das PSMA-PET-CT ermöglicht
heute eine viel genauere Diagnostik. „Je früher wir erkennen, wohin der Tumor
gestreut hat, desto gezielter können wir behandeln“, betonte Dr. Jörg Erdmann,
Leiter des zertifizierten Prostatakarzinomzentrums am Caritas-Krankenhaus.
„Weiterhin bleibt die Hormonentzugstherapie ein zentraler Baustein, doch neue
Medikamente wie Abirateron, Enzalutamid oder Apalutamid können den Tumor
deutlich länger bremsen. Wir sehen, dass Patienten mit den modernen
Hormonblockern oft viele zusätzliche Monate mit stabiler Erkrankung gewinnen“,
erklärte der Facharzt für Urologie und medikamentöse Tumortherapie.
Wenn diese
Therapien nicht mehr ausreichten, stehen Chemotherapien oder bei bestimmten
Genveränderungen auch PARP-Hemmer zur Verfügung. Zunehmend bewähre sich
außerdem die zielgerichtete Radioligandentherapie mit Lutetium-PSMA. „Sie
bringt die Strahlung genau dorthin, wo der Tumor sitzt – und schont gesundes
Gewebe weitgehend“, so Dr. Erdmann.
Wichtig bleibe
zudem die Behandlung der Knochen, die oft von Metastasen betroffen sind.
„Medikamente wie Zoledronsäure oder Denosumab können Frakturen und Schmerzen
vorbeugen.“
Dr. Erdmann
fasst zusammen: „Wir haben heute mehr Möglichkeiten denn je, den
Krankheitsverlauf zu verlangsamen und Lebensqualität zu sichern. Entscheidend
ist eine engmaschige Nachsorge und die richtige Therapie zur richtigen Zeit.“
Prostatakrebs – Früherkennung mittels PSA-Wert
Oberarzt Hikmat
Ismayilov machte deutlich, dass die Früherkennung beim Prostatakarzinom heute
verlässlicher und moderner ist als früher. Prostatakrebs sei die häufigste
Tumorerkrankung des Mannes, betonte er, und werde – früh erkannt – meist
geheilt. „Moderne Vorsorge ist entscheidend, weil sie Leben retten kann“, so
der Facharzt für Urologie und
Medikamentöse Tumortherapie.
Die
Tastuntersuchung, jahrzehntelang Standard, erkennt viele Tumoren nicht
zuverlässig und spielt deshalb laut neuer Leitlinie kaum noch eine Rolle.
Stattdessen steht der PSA-Wert im Mittelpunkt. Dank besserer Risikoalgorithmen
und Wiederholungsmessungen liefert er heute zuverlässige Hinweise. Bei
auffälligen Werten folgen eine Risikobewertung, ein MRT der Prostata und nur
bei bestätigtem Verdacht eine gezielte Biopsie. „Wir wollen gefährliche Tumoren
früh erkennen und gleichzeitig unnötige Eingriffe vermeiden“, erklärte
Ismayilov.
Studien
zeigten, dass diese strukturierte PSA-Diagnostik die Sterblichkeit senken kann.
Für Patienten bedeutet das mehr Sicherheit und weniger überflüssige
Untersuchungen. Der PSA-Test könnte ab 2027 sogar Kassenleistung werden.
Ismayilov blickt optimistisch nach vorn: „Die Zukunft der Früherkennung liegt
in der Kombination aus PSA, MRT und KI-gestützter Risikoanalyse.“
Selbstfürsorge kann körperlich und
emotional gesund erhalten
Neben den
körperlichen Beschwerden löst die Diagnose Krebs immer auch Unsicherheit und
psychische Belastungen aus. In ihrem Vortrag gab Anett Rambau, Psychoonkologin
im Onkologischen Zentrum am Caritas-Krankenhaus, zahlreiche konkrete,
praxisnahe Tipps für Betroffene und Angehörige, um mit diesen Belastungen
besser umgehen zu lernen. „Wichtig ist Selbstfürsorge, sich also die Zeit und
die Aufmerksamkeit zu geben, um sich sowohl körperlich als auch emotional
gesund zu erhalten“, betonte die Psychoonkologin, die seit mehr als fünf Jahren
Tumorpatienten im Caritas-Krankenhaus betreut. „Akzeptieren Sie unangenehme
Gedanken und blicken Sie auf Ihre eigenen Stärken. Was habe ich früher schon
geschafft? Wer oder was hat mir dabei geholfen?“, war einer der Tipps. „Führen
Sie Tagebuch und notieren Sie täglich drei bis fünf Dinge, für die Sie dankbar
sind oder die Sie heute geschafft haben oder die Ihnen gutgetan haben.“ Dies
fördere nachweislich die Produktion der Glückshormone Serotonin und Dopamin. „Wechseln Sie die Perspektive und seien Sie
nachsichtig mit sich selbst. Überlegen Sie: Wie würde ich in der Situation mit
meiner besten Freundin oder meinem besten Freund umgehen?“ Außerdem empfahl sie
allen Betroffenen, sich soziale Unterstützung zu suchen entweder in Selbsthilfegruppen,
digitalen Chatgruppen oder in Beratungsstellen und durch Gesundheits-Apps.
„Erlaube Dir gut auf Dich aufzupassen“, so ihr Fazit.
Unterstützung im Alltag und bei Anträgen
Über
finanzielle und sozialrechtliche Hilfsangebote informierte Laura
Rauscher-Dittmann in ihrem Vortrag. Die Leiterin des Sozialdienstes am
Caritas-Krankenhaus zeigte die verschiedenen Unterstützungsangebote auf: Vom
Antrag auf einen Schwerbehindertenausweis, der Zahlungsbefreiung bei
Medikamenten über die Erstattung von Fahrtkosten bis hin zur Organisation von
Pflegehilfsmitteln und Anträgen auf Haushaltshilfe, Pflegeleistungen oder einer
Reha übernimmt der Sozialdienst eine breite Palette an Beratungs- und
Hilfsangeboten. „Unser Ziel ist die Organisation und Unterstützung einer
stabilen, reibungslosen Versorgungssituation für die Patient*innen während des
gesamten Behandlungsprozesses auch über den stationären Aufenthalt im
Krankenhaus hinaus“, unterstrich die Leiterin des Sozialdienstes.
In der Pause standen die Ärztinnen und Ärzte der einzelnen Zentren sowie die Selbsthilfegruppen für die Fragen der Besucher bereit. Im Workshop „Selbstuntersuchung der Brust“ demonstrierte Mamma-Care-Trainerin Tatjana Puchler einfühlsam Tastverfahren, um mögliche Knoten in der Brust frühzeitig zu erkennen.