15.12.2025
Neue Palliativstation
„Jetzt bin ich zu schön zum Sterben“

Die Palliativstation des Caritas-Krankenhauses ist vor kurzem in neue Räume auf der Station D0 umgezogen. In einem Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten erläuterten die Leiterin der Palliativstation Dr. Dagmar Hügel-Dubowy und ihre Kollegin Oberärztin Dr. Christine Dörsing gemeinsam mit der pflegerischen Stationsleitung Christine Glass und deren Stellvertreterin Stefanie Mauritz, was die Arbeit auf einer Palliativstation ausmacht.
Welches Angebot gab es bisher im Palliativbereich im Caritas-Krankenhaus?
Dr. Dagmar Hügel-Dubowy: „Es gab im Caritas schon seit 2011 eine kleine Palliativeinheit, mit zwei bis drei Betten. Das ist die Keimzelle der Palliativstruktur im Haus gewesen. In den Folgejahren gab es eine Ausweitung der palliativen Arbeit. Von der Station B2 sind wir vor wenigen Wochen ins Erdgeschoss auf D0 umgezogen und bieten hier sechs Betten für schwerstkranke Patienten an. Nachdem die Nachfrage groß ist, streben wir auf absehbare Zeit acht Betten an und haben dafür jetzt auch genügend Platz. Das ist aber abhängig von der pflegerischen Situation. Denn wir haben einen bestimmten Stellenplan für die Palliativpflege, der erfüllt werden muss.“
Was verbirgt sich hinter dem Begriff Palliativmedizin?
Hügel-Dubowy: „Der Name Palliativmedizin macht oft ein bisschen Angst. Die Patienten sind zurückhaltend und der Gedanke geht schon Richtung Sterben. So ist es aber nicht! Es geht um die Versorgung von Patienten mit einer weit fortgeschrittenen Erkrankung, denen nur noch eine begrenzte Lebenserwartung bleibt. Im Mittelpunkt steht die ganzheitliche Betreuung des Patienten und seiner Angehörigen, wobei uns das möglichst lange Erhalten der Lebensqualität und die Achtung von Autonomie und Würde besonders wichtig sind. Es ist im Grunde genommen eine umfassende Versorgung des gesamten Menschen, nicht nur seiner Symptome, seiner Erkrankung, sondern es geht auch um die Psyche, um die Seele, um die spirituelle Anbindung und auch die Versorgung mit Begleitung der Familie und den Angehörigen. Das geht bis zur Trauerbegleitung. Es ist ein umfassendes Angebot für schwerstkranke Patientinnen und Patienten.“
Gibt es eine steigende Nachfrage nach Plätzen in ihrem Bereich?
Hügel-Dubowy: „Ja, das sehen wir. Denn wir alle werden älter und kränker im Alter. Es treten mehr Tumorerkrankungen im hohen Alter auf und letztendlich wird natürlich auch die Versorgung, insbesondere bei den Herzerkrankungen – das sind ja auch palliative Erkrankungen – immer besser. Die Patienten werden unter der Therapie älter und damit auch versorgungsbedürftiger. Aber wie behandeln auf der Palliativstation auch viele jüngere Patienten, häufig mit Tumorerkrankungen."
Ab wann wird man diesem Bereich im Caritas zugewiesen?
Hügel-Dubowy: „Bei uns ist niemand austherapiert. Wir passen das Therapieziel an und schauen, wie wir die Lebensqualität für die Betroffenen verbessern können, indem wir eine suffiziente Symptomkontrolle durchführen. Im Grunde genommen sind chronisch fortschreitende Erkrankungen, die unheilbar und mit erheblichen Beschwerden wie Schmerzen, Übelkeit oder gar Luftnot verbunden sind, die Indikation für eine Aufnahme auf die Palliativstation. Die Einweisung zu uns kann über Hausärzte, Anfragen anderer Kliniken oder aus anderen Stationen des Caritas erfolgen. Im Schnitt bleiben die meisten Patienten zwei Wochen bei uns, ehe sie entlassen werden. Unser Ziel ist es, die Patienten zu stabilisieren, bestenfalls ihren Alltag zu verbessern. Bei uns sterben auch Patienten, so wie in anderen Bereichen des Krankenhauses auch – wir sind aber keine „Sterbestation“, wie manch einer wohl denken mag.“
Beschreiben Sie bitte Ihre Arbeit als Oberärztin und die täglichen Herausforderungen?
Dr. Christine Dörsing: „Ich bin seit Oktober 2022 auf der Palliativstation. Ich habe zuvor 20 Jahre eine operative Intensivstation geleitet. Mein Impuls, auf die Palliativstation zu wechseln, war, die Menschen, die schon am Lebensende angekommen sind, gut zu unterstützen und zu begleiten. Es geht darum, belastende Symptome zu lindern und die weitere Wegstrecke auch für die Angehörigen zu erleichtern. Meine Aufgabe ist es, zusammen mit meiner Kollegin, die Patienten hier zu therapieren, was sehr intensiv ist, da diese oft unter einer hohen Symptomlast leiden. Sehr viele Patienten im Krankenhaus werden auch von uns im palliativmedizinischen Konsildienst in anderen Fachabteilungen betreut. Sie fallen durch eine hohe Beschwerdesymptomatik auf. Der Bedarf an unserer Arbeit und Unterstützung auf anderen Stationen ist insgesamt deutlich gestiegen.“
Wie groß ist die psychische Belastung auch für die Mitarbeiter hier auf der Station? Wie ist der Alltag mit den Patienten?
Christine Glass: „Die psychische Belastung für die Mitarbeitenden wechselt ständig. Das Team der Palliativstation besteht aus zwei Ärztinnen und 14 speziell weitergebildeten Palliativpflegekräften. Wir arbeiten in einem multiprofessionellen Team bestehend aus Seelsorge, Sozialdienst, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Ernährungsberaterinnen, Psychoonkologen, Kunsttherapeuten und Ehrenamtlichen des ökumenischen Hospizdienstes. Die Pflegenden sind am nächsten und am längsten am Patienten und seinen Angehörigen dran und erleben alles hautnah und intensiv, deshalb ist es ganz wichtig, dass man sich im gesamten Team gegenseitig auffängt, unterstützt und sehr gut zusammenarbeitet. Wir hören uns zu und sprechen viel miteinander, um gemeinsam die Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. Alle sechs bis acht Wochen gibt es auch eine Supervision für das gesamte Team. Die Belastung ist für alle spürbar, aber im Team tragbar. Jeder hat sich seine eigenen Schutzmechanismen antrainiert, doch manche schweren Schicksale nimmt man mit nach Hause und denkt darüber nach. Es ist eine sehr erfüllende Arbeit, denn wir bekommen ganz, ganz viel zurück von den Patienten und den Angehörigen. Die Dankbarkeit überwiegt. Das trägt einen, so dass man da vieles schaffen kann.“
Stefanie Mauritz: „Der Alltag auf Station ist, dass es keinen wirklichen Alltag gibt! Wir machen jeden Morgen Pläne, aber das Leben grätscht uns ganz oft dazwischen: Plötzlich geht es jemandem viel schlechter oder besser. Wir stellen uns jeden Tag neu auf die Situation ein. Es geht auch nicht darum, was möchte ich, sondern was braucht der Patient jetzt. Es ist eine sehr zartfühlende Arbeit. Man muss weich sein, um hier arbeiten zu können. Was uns als Team unglaublich ausmacht ist, dass wir uns ganz toll gegenseitig tragen, dass wir so viel miteinander lachen, dass wir miteinander und auch mit den Patienten feiern können, runde Geburtstage, Hochzeiten, Taufen - all das hatten wir schon.“
Es ist also nicht alles traurig hier? Räumen wir mit Vorurteilen auf.
Mauritz: „Es wird hier auch gestorben, ja, aber zunächst geht es darum, die Betroffenen zu stabilisieren und ihre Lebensqualität zu verbessern. Was wir ganz oft schaffen ist, dass wir der Seele Heil geben. Dass Menschen den Weg anfangen können, zu gehen, sich auf Abschiede vorzubereiten. Die gehen ja nicht hier raus und sind dann wieder gesund, sondern wenn wir sie stabilisieren konnten, sind sie vielleicht für ein paar Wochen, ein paar Monate und manchmal auch für ein paar Jahre noch einmal in einem guten oder besseren Zustand. Aber die Krankheit geht ja nicht mehr weg.“
Gibt es kuriose Geschichten oder andere Ereignisse, die Sie heute noch gut in Erinnerung haben?Dörsing: „Es gibt ganz, ganz viele kostbare Momente. Ich kann mich an einen Patienten erinnern, der mit einem fortgeschrittenen Bauchspeicheldrüsenkrebs bei uns lag und der wirklich in einer dramatischen Situation war. Er war eine Führungskraft und hatte das große Bedürfnis noch einmal seine Kollegen zu sehen. Ein Abszess drohte akut die Bauchwand zu perforieren. Und dann kam tatsächlich an diesem Abend die gesamte Mannschaft. Ich glaube, es waren 20 Mitarbeiter. Wir organisierten in einem separaten Bereich zwei Kisten Bier und die Ehefrau war auch dabei. Sie haben sich zusammengesetzt und mit ihm angestoßen. Das war so berührend, er hat gespürt, wie sehr diese Kollegen ihn mögen. In dieser Nacht ist der Tumor durchgebrochen und der Mann ist dann auf der Station gestorben.“
Glass: „Ich erinnere mich noch gut, als zwei Mütter in Zimmern nebeneinander lagen, Es war Hochsommer, die Türen waren offen und deren Kinder, vielleicht zwei und sechs Jahre alt, spielten unbekümmert mit ihren Traktoren draußen auf dem Flur. Ich dachte, mein Gott, wo lernen die beiden Kinder sich kennen? Die Mamas sind schwer krank und die Kleinen sind so unbedarft, völlig gedankenlos und unbeeindruckt von ihrer Umgebung. Das war total berührend. Ein Stück weit Kindheitsnormalität, aber eben auf der Palliativstation.“
Mauritz: "Manche Patienten waren schon lange nicht mehr beim Friseur. Nun haben wir eine Stylistin, die auf Anfrage zu uns auf Station kommt. Wir hatten hier eine Patientin, die sich ihre langen Haare schneiden und einen Bob machen ließ. Sie wurde auch noch gestylt und schaute dann in den Spiegel und sagte: 'Jetzt bin ich zu schön zum Sterben.' Das sind magische Momente, wenn die Menschen sich selbst wieder sehen mögen. Zudem veranstalten wir zweimal im Jahr eine Gedenkfeier für die hier Verstorbenen. Da werden auch die Namen verlesen. Das ist für uns als Team auch ein ganz wichtiges Ritual, aber ebenso für die Angehörigen, die nochmal diese Wertschätzung spüren. Anschließend kommen alle zusammen und teilen ihre Erinnerungen."
Hügel-Dubowy: "Auf
unserer Station wollte ein jüngerer Mann, etwa Mitte 40, seinen Geburtstag
feiern, im ganz bescheidenen Rahmen, aber er hatte nicht mit den Ideen seiner
Gäste gerechnet. Sie bekamen ein leeres Zimmer zur Verfügung gestellt und
bauten dort für den Carrera-Spielzeug-Rennbahn-Fan auf mehreren
zusammengestellten Tischen einen perfekten Rennkurs auf. Es gab Popcorn und
Snacks und ich glaube sogar eine Currywurst. Die Überraschung gelang. Es war
eine große Gaudi und für alle wohl unvergesslich."
Blicken wir in die Zukunft. Der Umzug auf D0 ist erfolgt, die Mannschaft hat sogar
freiwillig beim Renovieren geholfen. Was wurde gemacht und wie soll es
weitergehen?
Hügel-Dubowy: „Vor unserem Umzug Ende Oktober
musste die Station renoviert werden. Wir haben die Maler im Vorfeld
unterstützt, um Zeit zu sparen. Jetzt verfügen wir über mehr Platz und wir
haben nun auch einen Außenbereich, wo Haustiere der Patienten zu Besuch
‚vorbeikommen‘ können. Wir hätten gerne künftig acht Betten, wie ich eingangs schon
ausführte. Voraussetzung ist, dass wir unser ärztliches und pflegerisches Team
aufstocken können. Unsere derzeit sechs Betten sind eigentlich durchgehend
belegt. Das Caritas ist in der Region die einzige Klinik, die über eine
Palliativstation verfügt. Unser Einzugsbereich ist groß. Abschließend möchte ich noch anmerken, dass wir eine freie
Besuchszeit anbieten. Man kann also auch nachts nach der Schicht noch seine
Angehörigen nach Absprache besuchen. Und bei engen Familienangehörigen ist
sogar eine Übernachtung im selben Zimmer punktuell möglich."
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