06.10.2023
Rund 150 Teilnehmer vor Ort und mehr als 400 Online-Teilnehmer informierten sich beim MS-Tag im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim am 30.09.2023 über neue Möglichkeiten in der Diagnostik und Therapie der chronischen Nervenkrankheit Multiple Sklerose.
Neue Wirkstoffklasse
wird derzeit getestet
„Wachsende therapeutische Möglichkeiten haben das Gesicht
der MS in den letzten 20 Jahren sehr zum Günstigen verändert“, erklärte der
Chefarzt der Klinik für Neurologie am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim Prof.
Dr. Mathias Buttmann in seinem Vortrag zum Thema „Neues zur medikamentösen
Therapie der MS“ beim 13. Bad Mergentheimer MS-Tag. „Große Hoffnungen für die
nähere Zukunft setzen wir derzeit in eine neue Wirkstoffklasse, die Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitoren
(BTKi). Sie gelangen durch die Blut-Hirn-Schranke ins Zentralnervensystem und
wirken wahrscheinlich direkt auf spezielle Immunzellen im Gehirn, die
therapeutisch bislang kaum beeinflussbar waren“, führte Prof. Buttmann weiter
aus. Neben einer guten Schutzwirkung gegen Krankheitsschübe hoffe man aufgrund
neuer Wirkmechanismen vor allem auch auf eine Wirkung gegen die bislang
therapeutisch nur wenig beeinflussbare chronische Progredienz. Erste Ergebnisse
aus großen kontrollierten Zulassungsstudien seien in wenigen Monaten zu
erwarten. „Diese Studiendaten müssen wir abwarten – sowohl was die Wirkungen
als auch mögliche Nebenwirkungen angeht“, beschrieb Prof. Buttmann den
aktuellen Stand.
MS-Generika
unbedenklich
Prof. Buttmann bestärkte die Zuhörer außerdem darin, bei ihrer
Therapie Vertrauen auch in preisgünstigere Nachahmerpräparate, sogenannte Generika,
zu haben, von denen in den letzten Monaten einige zur Therapie der MS zugelassen
wurden. „MS-Generika sind in ihrer Wirkung, Verträglichkeit und Sicherheit
nicht schlechter als die MS-Originalpräparate.“ Letztere seien in der
Entwicklung viel komplexer und somit auch viel teurer, da sie umfangreiche
Studien bis zur Zulassung durchlaufen müssten. „Darauf können dann die Generika
nach Ablauf des Patentschutzes aufbauen.“ Direkte Nachteile seien hierdurch für
Behandelte nicht zu befürchten.
Diäten könnten
hilfreich gegen Fatigue sein
Am Ende seines Vortrags ging Prof. Buttmann auf die Fatigue
ein, eine abnorme Müdigkeit und Erschöpfbarkeit, die nach seiner Aussage viele
Menschen mit MS in ihrem Alltag behindert. Vor wenigen Monaten seien bei der Jahrestagung
der amerikanischen Gesellschaft für Neurologie Ergebnisse kontrollierter
Studien vorstellt worden, die den Einfluss der Ernährung auf MS-Fatigue untersucht
hätten. Menschen mit MS, die sich ein halbes Jahr lang sehr fettarm ernährt
hatten, zeigten deutlich weniger abnorme Erschöpfbarkeit als die
Vergleichsgruppe. „Umgekehrt kann sich auch eine ketogene Diät positiv auswirken,
bei der auf Kohlenhydrate weitgehend verzichtet wird. In dieser zweiten Studie wirkte
sich die Diät positiv auf die Schlafqualität und die Tagesmüdigkeit sowie die
Schlaflosigkeit bei Nacht aus.“ Eine Ernährungsumstellung sei daher bei
behindernder Fatigue zu erwägen, so der MS-Experte.
MR-Bildgebung ist
wichtiges Diagnose-Instrument
Bewährte und neue kernspintomographische Möglichkeiten
erläuterte im Anschluss der Chefarzt der Klinik für Diagnostische und
Interventionelle Radiologie Prof. Dr. Manoj Mannil. „Die MR-Bildgebung ist
essentiell für die Diagnose, die Verlaufsbeurteilung und das
Therapie-Monitoring der Multiplen Sklerose. Die Magnetresonanztomografie
ermöglicht die Beurteilung der Krankheitsschwere und der Aktivität, aber auch
eine Charakterisierung des Krankheitsverlaufs und die Früherkennung von
Therapie-assoziierten Nebenwirkungen“.
Keine Angst vor dem
Einsatz von MR-Kontrastmittel
Prof. Mannil betonte ausdrücklich die Bedeutung des
Einsatzes von Kontrastmittel für eine bestmögliche Diagnose der MS: „Bei der
Beurteilung der Aktivität der Läsionen ist die Untersuchung mit Kontrastmittel
geboten, da die aktiven Läsionen Kontrastmittel aufnehmen und so sichtbar
werden. Die Bildgebung mit Kontrastmittel erhöht die Aussagekraft deutlich. Am
Caritas-Krankenhaus nutzen wir ein makrozyklisches Kontrastmittel, das sich –
anders als lineare Kontrastmittel – nicht im Gehirn ablagert und auch nur bei
0,07 Prozent der Patientinnen und Patienten eine allergische Reaktion
hervorruft. Dieses MR Kontrastmittel ist also sehr sicher“, bekräftigte Prof.
Mannil in Bezug auf die Kontrastmittelsicherheit.
Künstliche
Intelligenz verkürzt Untersuchungszeiten
Prof. Mannil forscht seit Jahren zur Künstlichen Intelligenz
in der MR-Bildgebung und stellte das neue MR-Gerät im Caritas-Krankenhaus vor,
das mit Hilfe künstlicher Intelligenz in Kürze das automatisierte Erkennen und
Auslesen von Läsionen ermöglichen wird – immer kontrolliert durch einen
erfahrenen Radiologen. „Schon bald eröffnet uns die Künstliche Intelligenz noch
weitere Möglichkeiten, wie eine Multi-Shot-Bildgebung in nur 25 Sekunden, oder
das Erstellen eines ganzes MS-Protokolls in weniger als zwei Minuten. Die
Künstliche Intelligenz kann schon jetzt Bilder schärfen, wenn sie verwackelt
sind, und sie wird auch fähig sein, virtuell zu berechnen, welche Läsionen
Kontrastmittel aufnehmen würden und welche nicht. Unsere Patienten profitieren
schon jetzt von den kürzeren Untersuchungszeiten, die mit neuer Technik in
Zukunft noch deutlich verringert werden können“, erklärte Prof. Mannil.
Abschließend empfahl er allen Menschen mit MS auch bei Beschwerdefreiheit eine
jährliche Bildgebung des Gehirns.
Funktionsfähigkeit
von Nervenbahnen gibt Aufschluss über Krankheitsaktivität
Dr. Waldemar Kafke, Oberarzt der Klinik für Neurologie,
erklärte die Möglichkeiten der neurologischen Funktionsdiagnostik: „Der Patient
wird akustischen, sensorischen, visuellen oder magnetischen Reizen ausgesetzt
und wir können dann mit Elektroden messen, ob und wie das Signal dieser
Stimulation im Gehirn ankommt. Wir überprüfen auf diese Weise die
Funktionsfähigkeit von Bahnsystemen und können so wichtige Rückschlüsse auf aktuelle
oder zurückliegende Krankheitsaktivität ziehen“, erklärte Dr. Kafke. „Zwar ist
diese Funktionsdiagnostik nicht mehr Teil der offiziellen Diagnosekriterien,
jedoch für ein umfassendes Bild zu Erkrankungsbeginn und im Verlauf von enormer
Bedeutung. Wir erlangen mit den Ergebnissen der Funktionsdiagnostik, zu denen
neben den sogenannten „Evozierten Potentialen“ auch die optische
Kohärenztomographie gehört, Informationen, die wir mit keiner anderen Methode bekommen
können. Tatsächlich lassen sich mit der Funktionsdiagnostik auch versteckte
Läsionen finden“, betonte Dr. Kafke.
Verhalten beeinflusst
Krankheitsverlauf maßgeblich
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer vor Ort hatten die
Möglichkeit, sich in einem von vier Workshops durch Therapeutinnen und
Therapeuten des Caritas-Krankenhauses zu Krafttraining, Ergotherapie, Logopädie
und Kinaesthetics bei MS zu informieren. Außerdem stellten sich beim „Meet the
Expert“ Prof. Buttmann, Dr. Kafke sowie aus der neurologischen Praxis in
Rothenburg o.d.T. Frau Dr. Rückert und Herr PD Dr. Sabolek informativ und
unterhaltsam den Fragen der Zuhörer. Abschließend dankte Prof. Buttmann den
Teilnehmerinnen und Teilnehmern für das große Interesse sowie auch den
Sponsoren für die Unterstützung des 13. Bad Mergentheimer MS-Tags im
Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim.