02.04.2019
Viele alltagsnahe Tipps und zugleich aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelten die Referentinnen und Referenten beim Patiententag „Leben mit Krebs“ den rund 150 Besuchern im Caritas-Krankenhaus. Im Mittelpunkt stand dabei die Wirkung von komplementärmedizinischen Verfahren als Hilfe und Unterstützung von Patienten während der Krebstherapie.
Dr. Edgar
Hartung, Leiter des onkologischen Zentrums am Caritas-Krankenhaus (OZT),
betonte in seiner Begrüßung die zunehmende Bedeutung des Themas Lebensqualität in
der Onkologie. Genau hier setzt die Komplementärmedizin mit ihren vielfältigen
Möglichkeiten an. "Auch die Patienten selbst suchen immer stärker nach
zusätzlichen Möglichkeiten, was sie selbst tun können, um ihre Therapie zu
unterstützen", berichtete der Internist und Onkologe aus vielen
Patientengesprächen.
Ziel: Nebenwirkungen reduzieren
Die
Fachärztin für Gynäkologie und Oberärztin im Caritas-Krankenhaus Annette
Gudewill warnte in diesem Zusammenhang vor dubiosen Anbietern im Internet und grenzte
Alternativmedizin und Komplementärmedizin klar voneinander ab. "Alternativmedizin wendet sich gegen die
wissenschaftlich fundierte Schulmedizin und will diese ersetzen, davor kann ich
nur warnen", so die Gynäkologin. "Komplementärmedizin ergänzt dagegen die
Schulmedizin und unterstützt zusätzlich die Symptombehandlung." Ziel der komplementärmedizinischen Verfahren
sei es, die Nebenwirkungen zu reduzieren und die schulmedizinischen Therapieerfolge
langfristig zu sichern. Die Oberärztin im zertifizierten Brustzentrum im
Caritas stellte verschiedene Verfahren vor, die dieses Ziel nachweislich erfüllen. So senke Sport und Bewegung das
Rezidiv-Risiko, d.h. dass der Tumor erneut auftritt. "Auch Nebenwirkungen wie die
Fatigue, eine lähmende Müdigkeit, werden durch regelmäßiges Bewegungstraining
vermindert", so Gudewill.

Selen, Misteln und Vitamine können Schulmedizin untersützen
Sie empfehle
den Patientinnen außerdem die Einnahme
von Selen in der Form von Natriumselenit. "Selen unterstützt das Immunsystem,
es wirkt vorbeugend gegen Lymphödeme, und Studien belegen außerdem eine
Reduzierung der gefürchteten Übelkeit bei Chemotherapie", so Gudewill. "Selen
ist wie ein Schutzmantel auf dem Weg durch die Therapie". Positive Wirkung auf
die durch Antihormon-Präparate geschwächte Knochengesundheit habe außerdem die Einnahme
von Vitamin D, auch in Kombination mit Vitamin K. Die Frauenärztin ging außerdem auf die
Wirkweise von Misteln und Vitalpilzen ein, die ebenfalls das körpereigene
Immunsystem stimulieren. Pflanzliche Mittel können auch bei Scheidentrockenheit
oder Libidoverlust helfen. "Diese Mittel können alle die Chemo- oder Hormontherapie
nicht ersetzen, aber deren Wirkung unterstützen", unterstrich die Gynäkologin,
die im Caritas-Krankenhaus die Brustkrebspatientinnen bei
komplementärmedizinischen Verfahren berät. Wichtig sei es jede Form der
Therapie mit den behandelnden Ärzten abzusprechen, da auch bei pflanzlichen
Mitteln gefährliche Wechselwirkungen und Überdosierungen auftreten können.
Gedankenreise und Entspannungsverfahren können Angst nehmen
Ganz
ohne Medikamente nur mit der Kraft der
Gedanken arbeitet Dr. Elisabeth Trost, Leiterin der Palliativmedizin im
Caritas-Krankenhaus. Eine Diagnose wie Krebs löse einen "Katastrophenalarm" im
Gehirn aus, der von vegetativen Reaktionen wie Anspannung, Herzklopfen,
Schweißausbruch etc. begleitet werde. "In diesen Situationen, die uns Angst
machen, wie zum Beispiel bei einer bestimmte Untersuchung, hilft es, sich
gedanklich herauszunehmen aus Zeit und Ort und sich an einen sicheren Ort zu versetzen,
der uns Kraft verleiht." Ganz konkret bat sie die Besucher, sich auf dieses
Gedankenexperiment einzulassen: "Was hören, riechen, schmecken, fühlen, sehen
Sie an diesem Ort?" Patienten, denen dieser Weg der Inneren Bilder gelinge, können
Nebenwirkungen wie Schmerzen, Luftnot oder Übelkeit bei Chemotherapie deutlich
reduzieren, berichtete die Neurologin und Palliativmedizinerin. Ähnlich
arbeiten auch Entspannungsverfahren wie Autogenes Training und Progressive
Muskelentspannung, die die Physiotherapeutin Ute Michelbach mit einigen
praktischen Übungen vorstellte. In Kürze bietet sie dazu im Caritas auch einen
Workshop an.
Die Macht der positiven und negativen Gedanken
Wie sehr die
Kraft der persönlichen Einstellung den Erfolg einer Therapie und das Auftreten
von Nebenwirkungen beeinflussen kann, machte auch Dr. Elisabeth Jentschke in
ihrem Vortrag zu Placebo- und Nocebo-Effekten deutlich. Wissenschaftliche
Studien und Befragungen belegen demnach, dass allein das Lesen des Beipackzettels
oder die Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen eines Medikaments dazu führen,
dass die genannten Nebenwirkungen dann bei den Patienten vermehrt auftreten -
selbst wenn das Medikament überhaupt keine Wirkstoffe enthält. Diese negative
Wirkung eines Scheinmedikaments ist als sog. Nocebo-Effekt bekannt. Umkehrt
kann allein die Zusicherung, dass ein Medikament zuverlässig wirkt, die
positive Wirkung hervorrufen - auch dann wenn kein Wirkstoff enthalten ist
(Placebo-Effekt). Bei Medikamenten gegen Schlafstörungen könne dieser
Placebo-Effekt bis zu 65 % Prozent ausmachen. "Unsere Erwartungshaltung, die Macht
unserer Gedanken ist von entscheidender Bedeutung", so die Psychologin. "Wir
müssen lernen zu reflektieren, ob ein Gedanke nützlich ist oder nicht, und uns
klarmachen, wie ich durch meine Gedanken dazu beitragen kann, etwas positiv
wahrzunehmen. Denn wir haben die Wahl, was unsere Gedanken mit uns machen." Wirkungsvolle
Methoden hierfür seien etwa Entspannungstechniken, Atemtechniken oder auch
Yoga. So konnte bei Studien an der Universität Würzburg durch eine achtwöchige
Yoga-Therapie bei Krebspatienten die Angst signifikant reduziert werden. Dr.
Jentschke appellierte zugleich an die behandelnden Ärzte den Patienten mit
Empathie und Achtsamkeit zu begegnen. "Gerade in der Onkologie können Ärzte,
die ihren Patienten mit Wärme, freundlich und beruhigend begegnen, das outcome
verbessern. Denn Patienten brauchen das Gefühl, dass sie gut aufgehoben sind."
Info: Für Krebspatienten werden im Caritas-Krankenhaus
verschiedene komplementärmedizinische Verfahren angeboten, darunter Sport, Entspannungstechniken
sowie die Beratung zu Nahrungsergänzungsmitteln. Einmal monatlich finden Patientenschulungen statt.