26.06.2018

Parkinson - eine lebensbegleitende Krankheit

Rund 200 Besucher kamen am 23. Juni zum ersten Bad Mergentheimer Parkinson-Tag ins Caritas-Krankenhaus, um sich über Ursachen, Diagnostik und Therapie dieser chronischen Nervenerkrankung zu informieren. Auch wenn die Krankheit bis heute nicht heilbar ist, zeigten die Neurologen in ihren Vorträgen eine Reihe von Therapieansätzen auf, um die Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern.

Die Ärzte verwiesen auf das wichtige Zusammenspiel aus Medikamenten, Hilfsmitteln, Physio-, Logo- und Ergotherapie sowie tragfähigen sozialen Kontakten. Neben den neurologischen Vorträgen vermittelten daher auch verschiedene Therapeuten sowie die regionale Selbsthilfegruppe und Sanitätshäuser praktische Informationen für den Alltag der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

Wissen über Parkinson deutlich gewachsen

"Das Wissen um die Krankheitsprozesse ist in den vergangenen zehn Jahren dramatisch gewachsen, und die Forschung arbeitet hieraus abgeleitet intensiv an ganz neuen Therapien", machte Privatdozent Dr. Mathias Buttmann, Chefarzt der Neurologie im Caritas-Krankenhaus, in seinen beiden Vorträgen deutlich. Seit der Erstbeschreibung der Erkrankung vor 201 Jahren durch den englischen Arzt und Geologen James Parkinson verstehe man immer besser, was bei Parkinson wirklich passiert. "Eine wesentliche Ursache ist wahrscheinlich die Verklumpung eines bestimmten Eiweißstoffes, des alpha-Synuclein, in Nervenzellen. Diese Vorgänge nehmen - beeinflusst durch Umweltfaktoren und Darmbakterien - offenbar im Nervensystem des Darms und im Geruchsorgan ihren Anfang und breiten sich von dort ausgehend allmählich im Gehirn aus."

Zum Teil erst Jahrzehnte später zeigten sich dann die ersten motorischen Parkinson-Symptome, so der Facharzt für Neurologie. Zwar stehe man noch nicht unmittelbar vor der Zulassung einer ursächlich wirkenden Therapie. "Aber es gibt erste klinische Studien mit Wirkstoffen, um die Ausbreitung der alpha-Synuclein-Verklumpungen und damit letzten Endes das Absterben von Nervenzellen bei Parkinson zu verhindern." Auch bei der bewährten Therapie mit L-DOPA, das im Gehirn in den Botenstoff Dopamin umgewandelt wird, gebe es positive Weiterentwicklungen. Im Zulassungsprozess befinde sich nach erfolgreichen Studien etwa eine Medikamentengabe über die Haut oder zum Inhalieren.

Symptome bei Parkinson
Typische Symptome der Krankheit stellte Dr. Herbert Hock, Facharzt für Neurologie in Bad Mergentheim, vor. "Dazu gehören z.B. zitternde Hände, eine gebeugte Haltung, ein schlurfender Gang oder ein Arm, der bei beim Gehen angewinkelt wird und nicht mehr mitschwingt", so der Neurologe. Auch ein immer kleineres Schriftbild, Sprech- und Schluckstörungen können demnach auf Parkinson hinweisen. "Sehr frühe Hinweise auf eine mögliche spätere Parkinsonerkrankung sind außerdem Riechstörungen und vor allem Störungen der sog. REM-Schlafphase." Zu den motorischen Veränderungen komme nicht selten eine Veränderung der Psyche hinzu, wie zunehmende Gereiztheit, Umtriebigkeit oder eine geminderte Merkfähigkeit.

Eine lebensbegleitende, keine lebensverkürzende Krankheit
"Wichtig bei der Diagnose ist es, andere neurologische Erkrankungen auszuschließen", betonte Dr. Hock. Einer Zeit der Ungewissheit folge so oft der Schock der Diagnose. "Doch Parkinson ist eine lebensbegleitende, keine lebensverkürzende Diagnose", machte der niedergelassene Neurologe deutlich. "Die meisten Patienten sprechen sehr gut auf eine Therapie an, die den Dopamin-Stoffwechsel fördert." Allerdings sei eine sehr disziplinierte und strukturierte Einnahme der Medikamente erforderlich. Außerdem habe sich gezeigt, dass Patienten in der Bewältigung der Erkrankung profitieren, wenn sie früh mit der Therapie beginnen. "Viele fühlen sich mit den neu angefangenen Medikamenten zunächst wie geheilt und man spricht daher von einer Medikamenten-Honeymoon-Phase." Diese könne mehrere Jahre anhalten, bevor ein Nachlassen oder zunehmende Schwankungen der Wirksamkeit auftreten könnten.

Besserung durch stationäre Komplextherapie
In dieser fortgeschritteneren Phase kann eine stationäre neurologische Komplexbehandlung Besserung bringen, wie sie im Caritas-Krankenhaus angeboten wird. Barbara Schweigert, Oberärztin in der Neurologie im Caritas-Krankenhaus, stellte die verschiedenen Elemente vor. Dazu gehören zum einen die Optimierung der medikamentösen Einstellung und die Behandlung von Begleitsymptomen. "Meist gelingt es, durch eine verbesserte Einstellung der Tabletten ein wieder zufriedenstellendes Befinden zu erreichen. Sollte die Erkrankung hierfür allerdings zu weit fortgeschritten sein, erreichen wir die gewünschte Stabilisierung zum Teil mit einer Pumpentherapie, bei der der Wirkstoff unter die Haut oder - in enger Zusammenarbeit mit unserer Inneren Medizin - über eine Sonde in den Dünndarm abgegeben wird, womit deutlich gleichmäßigere Wirkspiegel im Blut möglich sind", so die Neurologin.

Zusammenspiel von aktivierender Pflege, Physiotherapie, Logotherapie und Ergotherapie
Hinzu komme bei der stationären Komplexbehandlung intensive aktivierende Pflege, Physiotherapie, Logo- und Ergotherapie. "Mit gezielten Übungen lassen sich zum Beispiel der Bewegungsstart beim Loslaufen und das Gleichgewicht trainieren. Logopädie kann Sprechmelodie, Artikulation und Lautstärke verbessern sowie alternative Schlucktechniken einüben. Ergotherapie schult die Feinmotorik und Geschicklichkeit bei Alltagsaufgaben wie Waschen, Ankleiden oder Essen und unterstützt die Patienten mit Gedächtnistraining", erläuterte die Oberärztin. "Dieses individuell angepasste, intensive Zusammenspiel verschiedener therapeutischer Ansätze während der 7, 14 oder 21 Tage dauernden stationären Behandlung führt meist zu einer erheblichen Besserung." Falls grundsätzlich eine Tiefe Hirnstimulation als Therapie in Betracht komme und Interesse bestehe, vermittele man den Kontakt zur Neurologischen Universitätsklinik Würzburg, mit der man vertrauensvoll zusammenarbeite.

Unterstützung durch Selbsthilfegruppen
Wie hilfreich der Kontakt zu anderen Betroffenen sein kann, machte im Anschluss Tamara Roth deutlich. Die Tochter eines Erkrankten leitet mit großem Engagement die Anfang des Jahres neu gegründete regionale Parkinson-Selbsthilfegruppe und berichtete über die zahlreichen Aktivitäten des Vereins. Neben monatlichen Gruppentreffen und Fachvorträgen organisiert die Selbsthilfegruppe auch gemeinsame Ausflüge und Veranstaltungen. "Es geht bei uns nicht um kollektives Jammern. Wir wollen auch gemeinsam lachen und Spaß haben", so Tamara Roth.

Viele interessierte Fragen zum Abschluss
Viele Besucher nutzten in der Pause die Gelegenheit, mit ihr und weiteren Mitgliedern der Selbsthilfegruppe sowie mit den Ärzten und Therapeuten ins Gespräch zu kommen. Die vielen verschiedenen Fragen an die Neurologen Buttmann, Schweigert, Hock und Lang in der abschließenden gemeinsamen Fragestunde, die wie im Flug verging, machten deutlich, wie wichtig das Informationsangebot für die Parkinson-Betroffenen und ihre Angehörigen beim Patiententag im Caritas-Krankenhaus war. Der Chefarzt der Neurologie ließ bei der Verabschiedung daher auch keinen Zweifel, dass im nächsten Jahr wieder ein Parkinson-Tag stattfinden wird und dass ein weiterer Ausbau des regionalen Parkinson-Netzwerkes allen aktiv daran Beteiligten sehr wichtig ist.

Kontakt:Parkinson-Selbsthilfegruppe: Tamara Roth, Tel. 09341-9478430; E-Mail: tamara@abend-roth.de

Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim, Klinik für Neurologie, Tel. 07931-583401