15.11.2017
„Ein perfektes Medikament gegen MS gibt es nicht“
Die Chancen und Risiken neuer medikamentöser Therapien bei Multipler Sklerose (MS), aber auch psychische Auswirkungen der Erkrankung auf die Betroffenen standen im Mittelpunkt des 8. MS-Tages am 11.11.2017 im Caritas-Krankenhaus. Sehr groß war erneut das Interesse: Mehr als 300 Besucher nutzten die Gelegenheit, um sich über die chronische Erkrankung des Zentralnervensystems zu informieren.
Gemeinsam begrüßten
der Chefarzt der Klinik für Neurologie am Caritas-Krankenhaus, PD Dr. Mathias
Buttmann, und der Landes-Geschäftsführer des Selbsthilfeverbands AMSEL e.V.,
Götz Zipser, die Besucher. Dabei gratulierte Götz Zipser zur Zertifizierung als
MS-Schwerpunktzentrum und hob die hohen therapeutischen Standards des
Caritas-Krankenhauses in der MS-Behandlung hervor. Er dankte dem Chefarzt für
sein außergewöhnliches Engagement für MS-Betroffene und konnte zugleich eine
gute Nachricht offiziell vermelden: Vor wenigen Tagen wurde PD Dr. Buttmann einstimmig
in den Ärztlichen Beirat der AMSEL, des Landesverbands Baden-Württemberg der
Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft, berufen, in deren Bundesverband er
schon seit vielen Jahren dem Ärztlichen Beirat angehört.
Große Dynamik in der MS-Forschung
In seinem
Vortrag machte PD Dr. Buttmann deutlich, welch große Dynamik zurzeit in der Erforschung
neuer Wirkstoffe gegen MS liegt und verwies auf neueste Forschungsergebnisse.
"Beim bislang größten internationalen MS-Kongress Ende Oktober in Paris wurden
zahlreiche Studien zu neuen Wirkstoffen vorgestellt, die auf die Zulassung
weiterer Medikamente hoffen lassen", unterstrich er. Seit August sei neu der
Wirkstoff Cladribin für die Behandlung der hochaktiven MS mit Schüben verfügbar.
Erstmals 1993 in Infusionsform gegen Blutkrebs zugelassen, vermindert es länger
anhaltend die Zahl der T-Lymphozyten, die im Gehirn u. a. für die Schädigung
der Nerven verantwortlich sind. "Von Vorteil ist, dass jeweils nur für einige
Tage im Jahr Tabletten eingenommen werden müssen und nur wenige
Kontrolluntersuchungen vorgeschrieben sind, auch schaut das Sicherheitsprofil
bei über 10.000 Patientenjahren Studienerfahrung bislang günstig aus.
Andererseits greift das bei MS sehr gut, aber nicht hervorragend wirksame
Chemotherapeutikum in die Erbsubstanz ein. Die aktuellen Informationen zur längerfristigen
Sicherheit reichen außerdem noch nicht aus, auch sind einige weitere wichtige
Fragen zum längerfristigen Umgang mit diesem Medikament noch nicht hinreichend
geklärt."

Neue MS-Medikamente unmittelbar vor der Zulassung
Direkt am
Vortag des MS-Tages empfahl eine Kommission der Europäischen Arzneimittelagentur
EMA, ein weiteres Medikament für die MS-Therapie zuzulassen: "Dieser Wirkstoff
mit Namen Ocrelizumab senkt die Schubrate im Vergleich zu einer bereits
wirksamen Behandlung mit Interferon-beta noch einmal um fast 50 % und zeigt
damit bei schubförmiger MS einen hervorragenden Effekt", so der Facharzt für
Neurologie. Außerdem sei Ocrelizumab als erstes Medikament überhaupt auch für
Patienten mit einem von Anfang schleichenden Verlauf mit Einschränkungen zur
Zulassung empfohlen worden. "Bei allen Medikamenten müssen wir allerdings in
einer sorgfältigen Einzelfallabwägung vor Therapiebeginn den erwarteten Nutzen immer
gegen die möglichen Nebenwirkungen abwägen, denn ein perfektes Medikament gibt
es nicht", dämpfte er zu hohe Erwartungen der Betroffenen.
Regelmäßige Kontrollen begrenzen Risiko für Nebenwirkungen
Mit diesen
Nebenwirkungen beschäftigte sich in seinem Vortrag ausführlich der Neurologe Dr.
Waldemar Kafke, Oberarzt und Leiter der MS-Infusionsambulanz am
Caritas-Krankenhaus. Dabei ging er besonders auf die gefürchtete "PML" ein,
eine durch Viren ausgelöste Hirnerkrankung, die bei einem Teil der Betroffenen
tödlich verläuft. "Bei den meisten Immuntherapeutika ist die PML allerdings zum
Glück eine sehr seltene Komplikation. Häufiger tritt sie bislang lediglich
unter einer Therapie mit Natalizumab auf", machte er deutlich. "Hier helfen aber
Blutuntersuchungen und regelmäßige MRT-Kontrollen, die Risiken dieses
ausgezeichnet wirksamen Medikaments zu begrenzen."
Mythos der eigenen Unverletzbarkeit beschädigt
Welche
psychischen Auswirkungen die Diagnose MS auf die Betroffenen und ihr Umfeld
haben kann, zeigte Dr. Martin Meier, Neurologe und Psychiater von der
Marianne-Strauß-Klinik am Starnberger See, auf. "Schwer zu verdauen ist die
Erkenntnis, dass MS nicht heilbar ist und die Betroffenen ein Leben lang
begleiten wird", betonte er. Auch die unsichere Prognose des weiteren Verlaufs
sei schwierig zu verarbeiten. "Der Mythos der eigenen Unverletzbarkeit, von dem
wir alle ganz selbstverständlich ausgehen, wird durch die Diagnose beschädigt,
und jeder Patient sucht nach einer Erklärung, wieso gerade er betroffen ist",
schilderte Dr. Meier die Situation vieler Patienten. Auch die oft unsichtbaren
Symptome wie Schmerzen, Konzentrationsprobleme, Sehstörungen, Sensibilitäts-
und Blasenstörungen oder Fatigue machten den Betroffenen Angst. "Sie fürchten,
dass sie mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen werden." Bei ganz vielen
dieser unsichtbaren Symptome machte Dr. Meier den Betroffenen jedoch Hoffnung.
"Die Kognition ist bei vielen nicht und wenn dann oft nur leicht, in einzelnen
Bereichen und nach längerem Erkrankungsverlauf eingeschränkt. Ganz viele
Bereiche bleiben erhalten", betonte er. Bei der Fatigue, einer bleiernen
Müdigkeit, helfe u. a. sportliche Betätigung und eine sorgsame Einteilung der
anstehenden Aufgaben. Bei Blasenstörungen warnte er die Betroffenen vor einer
verminderten Flüssigkeitsaufnahme. "Wenn Sie zu wenig trinken, ist dies auf
Dauer für die Hirnfunktion ungünstig", mahnte er und empfahl wirksame
Medikamente, verschiedene Hilfsmittel wie etwa Katheter sowie regelmäßige
Beckenbodengymnastik.
Viele praktische Tipps und Erfahrungsaustausch für den Alltag mit MS
Diese
praktischen Tipps konnten im Anschluss an die Vorträge in mehreren Workshops
vertieft werden. Praktische Übungen zur Beckenbodengymnastik vermittelte die
Physiotherapeutin Vibeke Hansen. Die Schüler der Physiotherapieschule Sanitas
hatten daneben einen Parcours mit Übungen zur Stabilisierung des Gleichgewichts
aufgebaut. Die Logopädin Alexandra Petric gab Tipps bei Schluck- und Sprechstörungen
und die Krankenpfleger Christian Hansen und Michael Mittnacht zeigten die
Anwendung verschiedener Hilfsmittel für die Unterstützung von pflegebedürftigen
Patienten. Am Virtuellen Gehirn erläuterte Oberarzt Dr. Holzapfel die Vorgänge
bei MS im zentralen Nervensystem. An den Infoständen informierten
Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, Pharmafirmen und Sanitätshäuser über
verschiedene Hilfsangebote für MS-Betroffene. Viele Betroffene nutzten außerdem
bei der offenen Fragerunde "Meet the Expert" die Möglichkeit, ihre Anliegen mit
den Neurologen zu diskutieren.
Info:
Mehr Infos zu
neuen Forschungsergebnissen und einen Kongressbericht aus Paris von Chefarzt PD
Dr. Mathias Buttmann finden Sie auch auf der Homepage des Selbsthilfeverbands
AMSEL e.V.: www.amsel.de


