28.10.2016

Neue Medikamente machen Hoffnung bei Multipler Sklerose

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) trifft die Menschen meist im Alter zwischen 20 und 40 Jahren - und bislang gibt es keine Heilung der chronischen Nervenentzündung. Auf dem MS-Tag am 12.11.im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim gab es für die mehr als 250 Besucher allerdings einige positive Botschaften, die Hoffnung machen, den Fortgang der Krankheit aufzuhalten und die Symptome zu mildern.

"Noch vor 30 Jahren hatte man keine nachgewiesen wirksamen Medikamente, um die Krankheit in ihrem Verlauf einzudämmen. Doch in den letzten beiden Jahrzehnten ist unser Verständnis dramatisch gewachsen, was bei MS im Körper der Betroffenen passiert", betonte PD Dr. Mathias Buttmann, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Caritas-Krankenhaus, in seinem Vortrag zur Therapie der progredienten MS. Das habe zu neuen Studien mit neuen Wirkstoffen geführt. Nachdem in den letzten Jahren zahlreiche, teils hoch wirksame Medikamente für Menschen mit schubförmiger MS zugelassen worden seien, gebe es nun endlich auch Hoffnung für Menschen mit einer schleichenden Verlaufsform der MS. Zwei neue Medikamente, die kürzlich in Studien an vielen Menschen mit chronisch-progredienter MS untersucht wurden, bezeichnete der Neurologe als "Meilensteine". "In einer Studie an mehr als 1600 Menschen mit sekundär progredienter MS reduzierte das Medikament Siponimod gegenüber einem Scheinmedikament die Wahrscheinlichkeit, im Studienzeitraum eine bleibende Behinderung zu erleiden, signifikant um 21%." Dies sei ein zwar moderater, aber doch klinisch relevanter Behandlungseffekt.
Auch für MS-Betroffene mit einem von Anfang an schleichenden Verlauf gebe es jetzt erstmals Hoffnung. "Das neue Medikament Ocrelizumab senkte bei primär progredienter MS das Risiko, eine bleibende Behinderung zu entwickeln, in einer großen Studie um 24%", so PD Dr. Buttmann. Schon im Sommer 2017 könnte der Wirkstoff zugelassen werden; für Siponimod erwartet der Neurologe die Zulassung für 2018. Bei beiden Medikamenten sei allerdings eine sorgfältige Indikationsstellung bei jedem einzelnen Patienten wichtig, da nicht jeder in gleichem Maß von einer Therapie profitieren werde. "Trotz dieser wichtigen Fortschritte ist es in Anbetracht der immer noch begrenzten Therapiemöglichkeiten der chronisch-progredienten MS weiterhin entscheidend, frühzeitig mit einer konsequenten Therapie zu beginnen, um den Übergang von einer gut behandelbaren schubförmigen MS in den schwieriger zu kontrollierenden schleichenden Verlauf möglichst zu verhindern", betonte Buttmann.

Die Bedeutung einer frühen konsequenten Therapie betonte auch Dr. Jochen Ulzheimer in seinem Vortrag zur "Immuntherapie der schubförmigen MS". "MS ist eine Fehlleitung des körpereigenen Immunsystems, und die MS ist nicht nur in den Schubphasen, sondern auch in Phasen ohne spürbare Krankheitszeichen aktiv. Eine frühe Therapie kann helfen, spätere Schäden verhindern", betonte der Facharzt für Neurologie und leitende Oberarzt am Caritas-Krankenhaus. Er verwies zum einen auf bewährte Medikamente als Spritzen oder auch als Tabletten. Zum anderen erläuterte er neue Forschungsansätze, wie die Suche nach sog. "zielgenauen Therapien". "Dabei werden Antikörper so ausgerichtet, dass fehlgesteuerte Immunzellen gezielt unschädlich gemacht werden." Auf dieser Basis wirkten etwa das Medikament Natalizumab (Tysabri) und der Wirkstoff Alemtuzumab (Lemtrada). Ganz neu in dieser Reihe: der Wirkstoff Daclizumab (Zinbryta), der die Schubrate in einer großen Studie gegenüber einem Vergleichsmedikament fast halbierte. "Wir haben heute eine ganze Palette an Immuntherapien mit unterschiedlichen Wirkweisen, Wirkstärken und Risikoprofilen für Menschen mit schubförmiger MS, unter denen wir die für den Einzelnen jeweils am besten geeignete Therapie gemeinsam mit den Betroffenen auswählen können", zog der Neurologe ein positives Fazit.
Ganz konkret wurde es im Vortrag von Dr. Martin Rösener, der sich, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, mit dem Tabu-Thema "Störungen der Blasen-, Darm- und Sexualfunktion bei MS" beschäftigte. Bis zu 75 bis 90 % der Menschen mit MS leiden danach unter Blasenentleerungsstörungen, oft mit erheblicher Einschränkung der Lebensqualität. "Wo ist das nächste Klo?", werde häufig zur bestimmenden Frage im Alltag, so der niedergelassene Neurologe aus Stuttgart. Er verwies auf das Verzeichnis "Locus", das mehr als 9000 Behindertentoiletten in Deutschland und in europäischen Nachbarländern auflistet sowie einen europaweit genormten Schlüssel für öffentliche Behinderten-WCs, den Betroffene mit Schwerbehindertenausweis beziehen können. Er stellte außerdem Hilfsmittel wie Einlagen, Einmalurinflaschen und verschiedene Katheterverfahren vor. "Wichtig ist, dass die Betroffenen selbst etwas tun, etwa regelmäßig ihren Beckenboden trainieren", so Dr. Rösener.
Auch bei Darmentleerungsstörungen könne Beckenbodentraining helfen und ergänzend eine Umstellung der Ernährung mit mehr Ballaststoffen, frischem Obst und Gemüse und weniger tierischen Fetten. Außerdem sei eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr wichtig. "Alle haben Stuhlgang, aber niemand redet darüber", sagte Dr. Rösener. Ähnlich sei dies bei der Sexualität. Mehr als die Hälfte der Frauen und rund 80% der Männer mit MS beklagten Störungen der Sexualfunktion. "Aber mehr als 60% reden nicht mit ihrem Neurologen darüber." Der erste Schritt sei, sich von Leistungsdruck und sexuellen Normvorstellungen zu lösen. "Sex ist mehr als Geschlechtsverkehr und Orgasmus", so Rösener. Wichtig sei es, eine sinnliche Beziehung zum Partner mit Berührungen und Umarmungen aufzubauen. Bei Patienten mit Bluthochdruck-Medikamenten, Antispastika oder Antidepressiva helfe oft auch eine Umstellung der Medikamente. "Mit Viagra gibt es für Männer mit erektiler Dysfunktion ein erprobtes Medikament", betonte der Neurologe. Auch für Frauen mit verminderter genitaler Sensibilität hatte er einen Rat: "Lernen Sie ihren Körper neu kennen und probieren Sie auch Hilfsmittel aus." Sein Appell zum Abschluss: "Reden Sie als Betroffene mit ihrem Arzt darüber, es lohnt sich und auch ihr Partner profitiert."
Sehr konkret waren auch die Tipps und Anleitungen in den verschiedenen Workshops, etwa zum Beckenbodentraining, zu Hilfen bei Blasenentleerungsstörungen oder zu Schluckstörungen bei MS. Viele Besucher nutzten außerdem die Möglichkeit, beim MS-Tag die Ärzte, neben den Vortragenden auch die Neurologen Dr. Herbert Hock aus Bad Mergentheim und Dr. Tilmann Rossmanith aus Weikersheim, und die Therapeuten des Caritas-Krankenhauses direkt anzusprechen und ihre Fragen zu stellen. (ckbm)