17.03.2016
Diagnose Krebs: Am besten sofort mit Sport beginnen
Schmerzen, Verstimmungen, Müdigkeit, Kontinenz- oder Potenzprobleme - ist ein Mensch an Krebs erkrankt, leidet er nicht nur unter dem Tumor, seine gesamte Lebensqualität ist eingeschränkt. Wie es gelingen kann, mit und trotz der Diagnose Krebs gut zu leben, wurde beim Patiententag „ Leben mit Krebs“ am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim vorgestellt.
"Größtmögliche Lebensqualität der Patienten ist schon immer Ziel der onkologischen Behandlung und wir gewinnen dabei immer wieder neue Erkenntnisse. Deswegen ist das Thema zwar alt, aber immer wieder neu", betonte der Leiter des RCT, Dr. Edgar Hartung bei der Begrüßung der etwa 130 Besucher in der Aula des Caritas-Krankenhauses. Auch auf dem Gebiet der Schmerztherapie habe sich in den letzten Jahren viel getan, wie Dr. Sabine Paul, Fachärztin für Anästhesie, spezielle Schmerztherapie, Akupunktur und Sportmedizin am Krankenhaus Tauberbischofsheim, in ihrem Vortrag erläuterte. Denn 60 bis 90 Prozent der an Krebs Erkrankten leiden im Krankheitsverlauf an starken Schmerzen. Durch eine gezielte und individuell angepasste Therapie könne man diese aber lindern. "Von der medikamentösen Therapie, über Psychologische Betreuung und Physiotherapie bis hin zur Akupunktur - wir können für jeden Patienten ein passgenaues Konzept zusammenstellen", unterstrich die Schmerztherapeutin. Wichtig sei, dass Betroffene die Behandlung des Schmerzes nicht als Endstadium der Erkrankung betrachten. Dr. Paul: "Schmerztherapie ist sofort beim Auftreten von Schmerzen möglich. Voraussetzung ist, dass die Ursache des Schmerzes bekannt ist, denn dann ist unter Umständen auch eine kausale Therapie möglich." Auch akute Schmerzkrisen könne man schnell und wirksam bekämpfen, damit sich auch sehr kurzfristig eine Verbesserung der Lebensqualität einstellen kann.
Beim Stichwort Lebensqualität sei auch der Patient selbst in der Pflicht, erklärte Dr. Hartung. Sport sei zum einen ein zentrales Thema in der Vorbeugung einer Erkrankung. So senke er nachweislich um rund 25 Prozent das Risiko an Dickdarm- oder Brustkrebs zu erkranken. "Körperliche Aktivität lässt uns besser leben und sorgt dafür, dass wir uns wohler fühlen. Das gilt auch während und nach einer Tumortherapie", sagte der Leiter des RCTs. So helfe körperliche Aktivität bei der Bewältigung psychologischer Symptome wie Depression, Verstimmung, Angst oder Wut. Sport unterstütze außerdem bei der Alltagsbewältigung und könne die Auswirkungen des sog. "Fatigue-Syndroms" lindern, von dem etwa 70 bis 80 Prozent der Tumorpatienten betroffen sind. "Nach einer Ganzkörperbestrahlung ist es sinnvoll, zwei bis drei Tage auszusetzen, da der Körper dann ohnehin geschwächt ist. Auch an Chemotherapie-Tagen sollte man sich schonen. Ansonsten gilt aber: Mehr ist mehr!" Der Onkologe (Krebsspezialist) nannte als Beispiele für besonders günstige Sportarten u.a. Schwimmen, Inline-Skating, Walken oder Gymnastik. Beachtet werden müsse, dass sich nur bei Beginn der Aktivität in zeitlicher Nähe zur Diagnose das Risiko für die Sterblichkeit verringert. Dr. Hartung: "Die brustkrebsbedingte Sterblichkeit verringert sich um 34 Prozent, wenn man sofort beginnt. Bei Darmkrebs im Stadium II-III sind es 27 Prozent."
Als belastende
Begleiterscheinungen nach einer Operation bei Prostatakrebs oder Darmkrebs können
bei einigen Patienten Probleme der Kontinenz oder der Potenz auftreten. Besonders
Patienten, die älter sind als 65, seien gefährdet. Eine Inkontinenz, geht mit
einem unfreiwilligen Verlust des Urins einher und ist für den Betroffenen ein
unangenehmes Problem, für das es aber Lösungen gebe, wie Dr. Jörg Erdmann,
Oberarzt und Koordinator des Prostatazentrums, erklärte. Nicht-Operativ stünden
verschiedene Therapiemöglichkeiten zur Auswahl. "Hilfreich sind hier besonders
die Beckenbodengymnastik oder die Elektrostimulation, die wir auch bei uns im
Haus anbieten." Bei übergewichtigen Patienten helfe zudem eine
Gewichtsreduktion. All das könne man auch medikamentös unterstützen. "Reichen
diese Mittel langfristig nicht aus, haben wir die Möglichkeit operativ
einzugreifen", so Dr. Erdmann. Seltener komme es nach einer Prostata-OP zum
Verlust der Potenz. Dr. Erdmann: "Nur etwa in 10 Prozent der Fälle sind
Patienten nach einer Prostatektomie impotent." Für den Fall der Fälle gebe es
aber ebenfalls eine Vielzahl an Therapiemöglichkeiten, um die Lebensqualität
des Patienten langfristig zu verbessern.
Wie unterschiedlich Lebensqualität für
den einzelnen Betroffenen erlebt wird, machte Professor Dr. Peter Baier, Leiter
des Darmzentrums, am Beispiel Darmkrebs und Stoma deutlich. "Gerade ältere
Menschen lernen damit gut umzugehen und bestätigen uns eine bessere Lebensqualität
als vor der Operation."
Praktische
Anregungen und Tipps zum Thema Sport gab es im Anschluss von Ute Michelbach und
Daniela Siegel. Die Physiotherapeutinnen zeigte konkrete Übungen, die gerade
für Tumorpatienten gut geeignet sind und stellten spezielle Übungen vor, um z.B.
Inkontinenz besser kontrollieren zu können. Sie bestätigten den Appell von Dr.
Edgar Hartung: "Mehr ist mehr - auch in der Physiotherapie." Denn der Körper
merke sich neue Bewegungsabläufe erst nach 10.000 Wiederholungen, dafür aber
dann dauerhaft und mit einem langfristig positiven Effekt.


