23.04.2015

"Gesund" gilt nicht für alle Kinder

"Gesund" gilt nicht für alle Kinder

Kinder in Deutschland sind heute so gesund wie nie, aber rund 20 Prozent sind von dieser positiven Entwicklung abgekoppelt. Beim Kongress "Was Kinderherzen sagen wollen", der am 17./18. April von der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin veranstaltet wurde, stellten die Referenten verschiedene Studien zu den Ursachen der neuen Erkrankungen im Kindesalter vor.

Präsentierten beim Kinderherzkongress in Bad Mergentheim aktuelle Studienergebnisse zu den neue Morbiditäten im Kindesalter: (v.l.) Dr. Christian Willaschek, PD Dr. Freia De Bock, Prof. Dr. Reiner Buchhorn, PD Dr. Olaf Hoos; Dr. Julian König.
Präsentierten beim Kinderherzkongress in Bad Mergentheim aktuelle Studienergebnisse zu den neue Morbiditäten im Kindesalter: (v.l.) Dr. Christian Willaschek, PD Dr. Freia De Bock, Prof. Dr. Reiner Buchhorn, PD Dr. Olaf Hoos; Dr. Julian König.


Kinder in Deutschland sind heute so gesund wie nie zuvor und haben eine höhere Lebenserwartung als je zuvor - das war die gute Nachricht vom Kongress "Was Kinderherzen sagen wollen", den die Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Caritas-Krankenhauses am 17./18. April veranstaltete. Die schlechte Nachricht aber macht betroffen: Rund 20 Prozent der Kinder in Deutschland sind von dieser positiven Entwicklung abgekoppelt, sie wachsen in belastenden Lebenssituationen auf und leiden signifikant häufiger unter psychosomatischen Erkrankungen wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom) Fettleibigkeit, Kleinwuchs, Depressionen und Suchtkrankheiten.

Zunahme von ADHS und Essstörungen

"Diese sog. neuen Morbiditäten (Erkrankungen) füllen heute die Praxen der Kinderärzte, nicht mehr die klassischen Infektionskrankheiten", machte Privatdozentin Dr. Freia De Bock vom Mannheim Institute of Public Health deutlich. Sie wertete bundesweite Daten des Robert-Koch-Instituts aus, die eine Zunahme von Erkrankungen wie Fettleibigkeit, Aufmerksamkeits-störungen und anderen psychosomatischen Erkrankungen im Kindesalter seit etwa 30 Jahren klar belegen. Auf der Suche nach den Ursachen dieser besorgniserregenden Entwicklung ist der Zusammenhang mit einem niedrigen sozialen Status offensichtlich, dicht gefolgt von problematischen Familiensituationen, so die Kinderärztin. Darüber hinaus zeigen Studien bei den betroffenen Kindern eine signifikant geringere Herzfrequenzvariabilität - Hinweis auf die abnehmende Entspannungsfähigkeit der Kinder, die sich quasi in einer permanenten Stresssituation befinden.


Niedrige Vagusaktivität als Ursache von psychosomatischen Erkrankungen

Den starken Zusammenhang zwischen niedriger Herzfrequenzvariabilität und vielen psychischen Erkrankungen - sowohl bei Kindern wie bei Erwachsenen - belegen auch zahlreiche Studien des Forscherteams um den US-Amerikaner Prof. Dr. Julian Thayer, die Dr. Julian König aus der Arbeitsgruppe von Prof. Thayer vorstellte. Seine These: Die niedrige Herzfrequenzvariabilität ist offenbar das Grundproblem für viele psychiatrische Erkrankungen. Als sog. "P-Faktor" könnte er wichtige Messgröße für die Diagnostik dieser Krankheiten sein. Beeinflusst wird die Herzfrequenzvariabilität vor allem durch den Vagusnerv, der überwiegend nachts regulierend und beruhigend auf die Herztätigkeit und die Atmung wirkt.

In diesem Sinne beunruhigen die Daten von Prof. Reiner Buchhorn, Chefarzt Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Caritas-Krankenhauses, der eine systematische Abnahme gerade dieser Vagusaktivität auch bei 160 gesunden Kindern des Main-Tauber-Kreises mit Hilfe von Langzeit-EKG Untersuchungen nachweisen konnte.

Sport und Bewegung als Therapie

Auf der Suche nach effektiven Therapien dieser neuen Erkrankungen des Kindesalters scheinen Maßnahmen, die die Vagusaktivität verbessern, erfolgversprechend. Dies sei etwa durch eine gezielte sportliche Belastung möglich, erklärte Priv. Doz. Dr. Olaf Hoos vom sportwissenschaftlichen Institut der Universität Würzburg. Dr. Christian Willaschek, leitender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Caritas-Krankenhauses, präsentierte das Bad Mergentheimer Konzept, wie das autonome Nervensystem in den ersten 1000 Tagen von der Befruchtung bis zum 2. Lebensjahr lebenslang geprägt wird. Als ursächlich für eine Fehlprogrammierung des autonomen Nervensystems werden vor allem eine Unter- oder Überernährung der Mutter in der Schwangerschaft sowie schwere frühkindliche Erkrankungen wie die Herzinsuffizienz und Frühgeburtlichkeit genannt.

Omega-3-Fettsäuren als günstige Therapieoption

Prof. Buchhorn stellte klar, dass die Ergebnisse dieser innovativen Forschung an den therapeutischen Erfolgen gemessen werden müssen. Am Beispiel der Betablockertherapie von Säuglingen und der Substitution von Omega-3-Fettsäuren, zeigte er in Pilotstudien, dass mit vergleichsweise billigen Maßnahmen eine Verbesserung der Vagusaktivität in der frühen Kindheit erreicht werden kann. Dass bei diesen Pilotstudien die aktuellen ethischen Standards beachtet werden, wurde in einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion, an der auch betroffene Patienten teilnahmen, besprochen.

Am Ende der Veranstaltung mit internationalen Teilnehmern war man sich bewusst, dass sich hier in Bad Mergentheim Vertreter eines neuen Weges in der medizinischen Diagnostik und Therapie getroffen haben, der moderne Medizin entscheidend verändern könnte.