17.09.2013

Erlebte Pflegeschichte mit Sr. Liliane Juchli

Erlebte Pflegeschichte mit Sr. Liliane Juchli

In einem Vortrag blickte die bekannteste Lehrerin für Pflegeberufe im deutschsprachigen Raum auf die Geschichte der Pflege zurück und rief die Pflegenden zu mehr Selbstbewusstsein und Stolz auf die eigene Berufsgruppe auf.

Im nächsten Monat wird Sr. Liliane Juchli 80 Jahre alt, doch davon merkte man ihr bei ihrem Vortrag am 18. September im Caritas-Krankenhaus nichts an. Sie versprühte ungebrochenen Lebensmut und Energie vor allem bei ihrem Herzensthema: der Pflege.
"Pflege ist immer Hinwendung zum Menschen, der jetzt in diesem Moment meine Hilfe braucht", betonte sie vor fast 300 Besuchern, überwiegend Pflegekräfte jeden Alters vom Auszubildenden bis zu berufserfahrenen Jahrgängen. "Die Haltung, mit der ich pflege, ist - neben all dem notwendigen Fachwissen - entscheidend."


Gelebte Pflegegeschichte
In ihrem Vortrag "Erlebte Pflegegeschichte" spannte die Ordensschwester und bekannteste Pflegepädagogin im deutschsprachigen Raum einen weiten Bogen von den Anfängen der Pflege in der Familie und Gemeinschaft bis zur aktuellen Diskussion um die Pflege unter den Bedingungen des DRG-Systems. Diese "Spurensuche" sei wichtig für die Identität der Pflegenden selbst, betonte sie.

Pflegen wird zum Beruf
Dabei unterschied Sr. Liliane Juchli im Wesentlichen drei Phasen: Den Ursprung der Pflege als einer selbstverständlichen Aufgabe von Frauen in der Familie, die mit Erfahrung und Intuition auf die Bedürfnisse der kranken Menschen eingingen. In den Diakonie- und Klostergemeinschaften des frühen Mittelalters sei dieses frühe Pflegewissen gehütet und weiterentwickelt worden. "Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein blieb die Pflege eine Tätigkeit von Frauen, die ohne Ausbildung oder gar Anerkennung ihr Werk verrichteten", erläutere Sr. Liliane. Erst mit Gründung der ersten Krankenpflegeschule durch Florence Nightingale in London beginne die zweite Phase der Pflegegeschichte: "Pflegen wird zum Beruf, den man lehren und lernen kann, vorerst stark geprägt von der Medizin und orientiert an der Beherrschung von Apparaten und Handlungsabläufen."

Neues Selbstbewußtsein der Pflege
In den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts folgte für Sr. Liliane Juchli der dritte Schritt in der Pflegeentwicklung, den sie selbst durch ihr Standardlehrbuch zur Pflege entscheidend mitgeprägt hat: "Die Professionalisierung der Pflege." Weg von der starren Ausrichtung auf die medizinische Wissenschaft als "Miniärzte" habe ein Bewusstseinsprozess bei den Pflegenden eingesetzt hin zu einer eigenständigen Berufsentwicklung. "Wer legt eigentlich die Inhalte der Pflege fest?" Diese Frage habe einen Umbruch und Bewusstseinswandel ausgelöst und zum Ausbau der Pflegewissenschaft geführt.

Theorie und Praxis wichtig auch in Zukunft
Diese Akademisierung der Pflege ist für Sr. Liliane bis heute eine dringend notwendige Grundlage. "Die Pflege braucht wissenschaftlich geschulte Frauen und Männer, um der Lehre und Forschung gerecht zu werden", forderte sie. Allerdings sei es wichtig, die Qualität in der konkreten Praxis nicht zu vernachlässigen. "Wir brauchen eine lerngerechte Ausbildung unserer Schülerinnen und Schüler, wie auch die permanente Weiterbildung der Pflegenden aller Führungsstufen." Es sei wichtig, dass die beiden Säulen Theorie und Praxis - wie zwei Schienen - nicht auseinanderdriften sondern nebeneinander die Zukunft der Pflege ermöglichen.

Stolz auf die eigene Berufsgruppe
Aktuell steht die Pflege nach Ansicht von Sr. Liliane Juchli vor allem vor einer großen Herausforderung: "Es gilt, der Pflege im Zeitalter eines immer teureren und differenzierten Gesundheitswesens den ihr zustehenden Stellenwert und die ihr gebührende Anerkennung zu gewährleisten", betonte sie und ermutigte die Pflegenden sich dabei aktiv einzubringen. "Seien sie sich bewusst, dass Sie nie nur Ausführende in einem System sind, sondern immer auch Mitgestaltende." Die Geschichte der Pflege gehe weiter. "Setzen wir alles daran dass es eine Pflegegeschichte bleibt." Einer der "Sterne" und Energieträger, der die Pflegenden dabei leiten könne, sei der "Berufsstolz". "Das heißt, dass wir wissen, wer wir sind: Angehörige einer Berufsgruppe, die sich ihrer Kompetenz und Bedeutung bewusst ist."

Würdevoller Umgang mit den Patienten
Zugleich appellierte sie an die Zuhörer die ursprüngliche Motivation und Begeisterung für den Pflegeberuf nicht zu vergessen. "Denn das ist, worum es letztlich trotz aller Veränderungen bleibend geht: Das Ja zum höchsten Wert menschlichen Seins, das Ja zur eigenen Würde wie auch das Ja zur Würde jener Person, die wir pflegen." Ein würdevoller Umgang mit dem Patienten koste weder viel Zeit noch Geld. "Den Menschen vor mir wahrnehmen, Blickkontakt suchen, ein aufmunterndes Wort dauert nicht länger als zu sagen "Ich habe jetzt keine Zeit.""


Unterstützung durch Pflegteam auf der Station
In der anschließenden Podiumsdiskussion berichteten zwei langjährige Pflegekräfte aus dem Caritas-Krankenhaus von ihren Erfahrungen im Praxisalltag und dem "Spagat" zwischen dem eigenen Anspruch, menschenwürdig zu pflegen, und dem Zeitdruck angesichts von Sparzwängen. Regina Almandinger, Fachkrankenpflegerin für Brustkrebspatientinnen ("Breast Care Nurse"), hob die Bedeutung eines guten Teams auf der Station hervor. "Wenn ich spüre, dass eine Patientin besondere Zuwendung oder ein Gespräch braucht, geht das nur, wenn Kolleginnen in meinem Team mir Aufgaben abnehmen", beschreibt sie die Situation.

Erfahrung aus 40 Jahren Pflege
Dies unterstrich auch Heribert Groh, seit 40 Jahren Krankenpfleger und als Stationsleiter in besonderer Verantwortung: "Vieles kann man nur mit einem guten Team aus Kolleginnen und Kollegen schaffen." Allerdings sei auch die persönliche Einstellung wichtig. "Man muss sich immer wieder selbst motivieren: das Glas ist halb voll, nicht halb leer." Auch nach 40 Jahren Erfahrung würde er den Pflegeberuf immer wieder wählen: "Ich produziere hier nicht einfach etwas, was dann gewinnbringend verkauft wird. Ich bin täglich direkt mit Menschen in Kontakt und helfe Ihnen - mit meiner Fachkompetenz und so wie ich bin als Mensch."
Pflegedirektor fordert Reform der Ausbildung
Der Pflegedirektor des Caritas-Krankenhauses Frank Feinauer nahm die Anregungen von Sr. Liliane zu einem stärkeren Selbstbewusstsein auf. "Die Leistungen der Pflege müssen im aktuellen Abrechungssystem nach DRG (Diagnostic Related Groups) stärker berücksichtigt werden", forderte er. Zugleich sprach er sich für eine Reform der Pflegeausbildung aus. "Die Trennung in Krankenpflege, Altenpflege, und Kinderkrankenpflege ist nicht hilfreich. Wir brauchen eine integrierte Ausbildung wie in der Schweiz und darauf aufbauend die Möglichkeit zu Fachweiterbildungen und zur Spezialisierung. Hier muss die Politik endlich handeln." Doch auch die Verantwortlichen im Krankenhaus selbst sieht Frank Feinauer in der Verantwortung: "Wir müssen die Arbeitsbedingungen schaffen, damit unsere Pflegenden - wie Herr Groh - ihren Beruf auch über viele Jahre bis zur Rente ausüben können. Dabei ist vor allem die Vorsorge für die Gesundheit der Mitarbeiter wichtig."
Begeisterung für den Beruf weitertragen
Zum Abschluss gab Sr. Liliane Juchli den Besuchern mit dem Bild einer Rose noch einen persönlichen Auftrag mit auf den Weg: Sie bat darum Stolz und Begeisterung für den Pflegeberuf weiterzugeben: "Duften Sie!"
Schwester Liliane Juchlie zu Gast Im Caritas-Krankenhaus
Schwester Liliane Juchlie zu Gast Im Caritas-Krankenhaus
Diskutierten über eine menschenwürdige Pflege: Krankenschwester Regina Almandinger, Stationsleiter Heribert Groh, Sr. Liliane Juchli und Pflegedirektor Frank Feinauer
Diskutierten über eine menschenwürdige Pflege: Krankenschwester Regina Almandinger, Stationsleiter Heribert Groh, Sr. Liliane Juchli und Pflegedirektor Frank Feinauer
Beim Signieren der Bücher hatte Sr. Liliane für Jede und Jeden ein persönliches Wort.
Beim Signieren der Bücher hatte Sr. Liliane für Jede und Jeden ein persönliches Wort.