08.11.2013

Gute Nachrichten für MS-Betroffene

Gute Nachrichten für MS-Betroffene

Rund 250 Betroffene und Besucher nutzten am Samstag, 16.11. die Gelegenheit, um sich beim 4. Bad Mergentheimer MS-Tag über neue Therapiemöglichkeiten bei Multipler Sklerose zu informieren. Ein weiterer Schwerpunkt war der Umgang mit Ängsten und Zukunftssorgen.

Gute Nachrichten hatte der Bamberger Neurologe und MS-Spezialist Dr. Boris Kallmann. Eine Heilung der chronischen Erkrankung des Zentralnervensystems gebe es zwar nicht. "Aber es gibt unglaublich viel Aktivität in der Forschung und neue Präparate, die eine deutliche Verbesserung der MS-Therapie erwarten lassen", betonte er. In seinem Vortrag ging er auf drei dieser Substanzen näher ein.

Dr. Kallmann: Hoffnung auf verbesserte Therapie
Das seit 1. Oktober zugelassene Medikament "Aubagio" und der Mitte kommenden Jahres zur Zulassung anstehende Wirkstoff Fumarsäure hätten die Schubrate in klinischen Studien deutlich gegenüber Placebo-Präparaten reduziert. Vielversprechend sei auch der ebenfalls seit wenigen Wochen zugelassene Wirkstoff Alemtuzumab. "Die Schubrate konnte hier in klinischen Studien um ca. 50 Prozent verbessert werden und dies im Vergleich zu bereits gut wirksamen Medikamenten. Auch die MS-Krankheitsaktivität insgesamt ist deutlich reduziert." Der Neurologe verwies allerdings auch auf mögliche Nebenwirkungen, die bei allen neuen Medikamenten auftreten können. "Der kontinuierliche Kontakt zum behandelnden Arzt ist daher besonders wichtig", betonte er. Auch bei bereits fortgeschrittener MS werden nach Angaben von Dr. Kallmann für 2014 neue positive Studienergebnisse für verschiedene Medikamente erwartet. "Dies macht uns viel Hoffnung, die Therapie für die MS-Betroffenen weiter zu verbessern", so Dr. Kallmann.

Prof. Mäurer: Vorsicht bei alternativen Therapieangeboten
Vorsicht Zusätzlich zu den medikamentösen Therapien der Schulmedizin suchen ca. 70 Prozent der MS-Betroffenen auch Hilfe durch alternative Behandlungsmethoden. Auf diese Zahl verwies Prof. Dr. Mathias Mäurer, Chefarzt der Klinik für Neurologie im Caritas-Krankenhaus. Er mahnte dabei allerdings zur Vorsicht. "Bei den Medikamenten und Therapien der Schulmedizin oder evidenzbasierten Medizin ist die Wirksamkeit wissenschaftlich überprüft und nachgewiesen. Für die Wirksamkeit alternativer Methoden gibt es solche Nachweise nicht." Ausdrücklich warnte er vor Injektionen mit Bienen- oder Schlangengift und "Frischzelltherapien". "Diese sind tatsächlich gefährlich und können die Erkrankung verstärken." Auch Rauchen sei nachweislich schädlich.

Positive Auswirkung von Sport und Bewegung
Hilfreich dagegen seien eine ausgewogene Ernährung und viel Bewegung. "Ein bis drei Stunden zusätzlich Sport pro Woche bewirken positive Effekte, die wir inzwischen auch in Studien belegen können." Geeignet sei grundsätzlich jede Sportart, bei Bewegungseinschränkungen sei Aquasport zu empfehlen. Am wichtigsten ist aus Sicht von Prof. Mäurer allerdings eines: "''Du musst!'' gibt es nicht. Tun Sie auch beim Sport das, was Sie als angenehm empfinden".
Dr. Stepien: Mit der Angst leben lernen
Neben der Behandlung körperlicher Folgen der MS stand beim MS-Tag der Umgang mit den psychischen Begleiterscheinungen im Zentrum. "Viele Betroffene erleben die Diagnose als etwas Ungeheuerliches, als Sturz aus der Normalität", beschrieb Dr. Jürgen Stepien Diplompsychologe und Psychotherapeut, die Reaktion der Patienten. Oft werde das Denken dann völlig von Zukunftsängsten beherrscht. "Daher ist es wichtig, Kompetenz zu erlernen mit dieser Angst umzugehen, diese Angst herunterzuregulieren und zugleich die Lebensqualität zu erhalten." Übliche Strategien wie Verdrängung der Angst durch Berieselung und Aktivität versagen nach Ansicht von Dr. Stepien in Krisenfällen jedoch ebenso wie Versuche, alles abzusichern und zu kontrollieren. "Wir müssen mit der Angst leben lernen, sie nicht bekämpfen sondern annehmen und akzeptieren", rät der Psychologe. "Zugleich sollte man sich klar machen, dass Angst immer nur ein Teil von uns ist, neben vielen anderen Anteilen wie Mut oder Freude."

Leben von Augenblick zu Augenblick
Wichtig sei es der Angst den Schrecken zu nehmen. Konkret nannte er mehrere praktische Tipps: "Wühlen Sie sich nicht durch ihre Vergangenheit und suchen nach Fehlern und Schuld. Bei nächtlichen Grübeleien, den Negativ-Film im Kopf stoppen und durch erhabenere, freundlichere Gedanken ersetzen. Machen Sie sich klar, es ist nur ein Gedanke." Insgesamt sprach sich Dr. Stepien für ein bewusstes Leben von Augenblick zu Augenblick aus. Es gehe gerade bei chronisch Kranken nicht um die Frage, wie lange lebe ich noch, sondern um die Frage: Wie gestalte ich den kommenden Tag in meinem Leben? Wichtig dafür seien u.a. tragfähige und vertrauensvolle Beziehungen zu anderen Menschen. "Gehen Sie raus aus dem Verstand, entdecken Sie neue Ressourcen, versuchen Sie weniger perfekt zu sein und das Leben mehr zu genießen", gab er den Betroffenen mit auf den Weg.
Praktische Hilfen in workshops und der Fragerunde
Abgerundet wurde der MS-Tag durch viele praktische Tipps und Hilfen in den vier Workshops und durch die Gespräche an den zahlreichen Infoständen der Aussteller. Intensiv nutzten die Besucher auch die Gelegenheit, ihre persönlichen Fragen an die Ärzte und Neurologen zu stellen.
Beantworteten die Fragen der Besucher: Chefarzt Prof. Dr. Mathias Mäurer, Oberarzt Dr. Jochen Ulzheimer und die niedergelassenen Neurologen Dr. Tilmann Rossmanith und Dr. Herbert Hock.
Beantworteten die Fragen der Besucher: Chefarzt Prof. Dr. Mathias Mäurer, Oberarzt Dr. Jochen Ulzheimer und die niedergelassenen Neurologen Dr. Tilmann Rossmanith und Dr. Herbert Hock.
Im Workshop demonstrierten Physiotherapeuten Bewegungsübungen mit dem Flexibar.
Im Workshop demonstrierten Physiotherapeuten Bewegungsübungen mit dem Flexibar.
Angst kann Kreativität beflügeln, betonte der Psychotherapeut Dr. Jürgen Stepien.
Angst kann Kreativität beflügeln, betonte der Psychotherapeut Dr. Jürgen Stepien.