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Frühgeburt
Frühgeburt

Ein aufregendes erstes Jahr

Quietschvergnügt und rundum gesund – der kleine Johannes hat sich gut entwickelt und jede Menge aufgeholt. Dabei hielt das erste Lebensjahr die Eltern ganz schön in Atem: Gut neun Wochen kam der Kleine zu früh zur Welt. 

 
 

Behutsam legt Tanja Franke den kleinen Johannes auf den Wickeltisch, doch der bleibt keine Sekunde ruhig liegen. Blitzschnell dreht sich der quirlige kleine Kerl auf den Bauch und robbt auf die bunten Bilder zu, die an der Wand hängen. Als Dr. Willaschek ihn auf den Arm nimmt, um verschiedene Reflexe zu testen, kräht er vor Vergnügen und zeigt  dabei  seine ersten beiden Schneidezähne. Am eindrucksvollsten aber ist das strahlende, offene Lachen, das Johannes jedem schenkt, der ihm begegnet. Dr. Christian Willaschek, Kinderarzt und Spezialist für Frühgeborene (Neonatologe) am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim, beendet die Untersuchung. Er ist hochzufrieden: „Johannes entwickelt sich  prima, ich bin begeistert.“

An solchen Tagen liebt er seinen Beruf besonders. „So schön kann Neonatologie sein“, lächelt er. Seit nun gut einem Jahr kennt er den kleinen Johannes und hat ihn bei dessen schwierigem Start ins Leben und in den ersten Wochen danach begleitet. Es war ein Frühstart, ganz unvermutet. „Ich hatte eine Bilderbuchschwangerschaft ohne Übelkeit und andere Beschwerden“, erzählt Tanja Franke. „Doch an einem Sonntagabend am Anfang der 31. Schwangerschaftswoche ging plötzlich eine große Menge Fruchtwasser ab.“ Sofort brachte ihr Mann sie in die Notaufnahme des Caritas-Krankenhauses Bad Mergentheim, von dort ging es direkt in den Kreißsaal. Vorzeitiger Blasensprung, so die Diagnose, eine Frühgeburt war nicht mehr abzuwenden.

Was zu einer Frühgeburt führen kann

Schwangere sollten regelmäßig Vorsorgetermine beim Frauenarzt wahrnehmen und auf mögliche Risiken achten. Diese können sein:

  • Diabetes, Nierenerkrankungen, Schilddrüsenfunktionsstörungen
  • Präeklampsie (schwangerschafts- bedingter Bluthochdruck)
  • Infektionen
  • starker Nikotinkonsum
  • Lebensalter der Mutter unter 18 und älter als 30 Jahre
  • körperliche Belastung, Stress
  • schlechter Ernährungszustand und schlechte Ernährung
  • niedriges Körpergewicht der Mutter (weniger als 55 kg vor der Schwanger- schaft)
  • Gebärmutteranomalien
  • unzureichender Verschluss des Gebärmutterhalses
  • Mehrlingsschwangerschaft

Ungefähr 60.000 Babys kommen in Deutschland jedes Jahr zu früh auf die Welt, darunter 8.000 Babys vor der 30. Schwangerschaftswoche, und die Tendenz ist steigend. „Das liegt vor allem daran, dass Frauen heute später gebären und immer öfter Mehrlinge bekommen“, erläutert Dr. Sven Triebel, Facharzt für Gynäkologie und spezielle Geburtshilfe. Risikofaktoren für Frühgeburten seien außerdem Stoffwechselerkrankungen der Mutter wie zum Beispiel Diabetes. „Auch die Lebensführung der Schwangeren wie schwere körperliche Arbeit, Stress, Untergewicht oder schlechte Lebensumstände können zu einer Frühgeburt führen.“ Häufig seien auch Scheideninfektionen der Schwangeren ein Auslöser. „Oft lassen sich allerdings auch keine eindeutigen Ursachen finden“, räumt der Frauenarzt ein – wie bei Tanja Franke.

Viel Körperwärme für die Kleinsten

Zweieinhalb Tage zögerte das Perinatalteam aus Hebammen, Frauen- und Kinderärzten die Geburt noch hinaus, um mithilfe von Kortison die Lungenreife des Ungeborenen zu beschleunigen. Am Mittwoch, den 24. September 2014 um genau 12.52 Uhr erblickte Johannes schließlich das Licht der Welt und verkündete seine Ankunft mit einem lauten Schrei. Noch im Kreißsaal übernahm Dr. Willaschek die Erstversorgung, überprüf- te Atmung, Kreislauf und Temperatur des Babys. „Der kleine Johannes war von Anfang an erstaunlich kräftig und wog bei seiner Geburt schon  1.725 Gramm. Er musste nicht einmal intubiert werden, eine CPAP-Beatmung mit einem kleinen Schlauch durch die Nase reichte aus, um die Atmung zu erleichtern.“ Schon nach zwei Tagen konnte er in ein offenes Wär- mebettchen umziehen. Hier haben die Eltern freien Zugang zu ihrem Baby, können es immer berühren und zum „Känguruhen“ herausnehmen. Dabei darf das Neugeborene auf der Brust von Mama oder Papa ruhen – trotz Magensonde und einer kleinen Elektrode zur Überprüfung von Puls und Sauerstoffsättigung. „Diese enge körperliche Beziehung zwischen Mutter, Vater und Kind, das Spüren von Nähe und Wärme, das Hören des Herzschlags – all das ist genauso wichtig für eine gute Entwicklung des Babys wie die kontinuierliche Überwachung durch moderne Technik“, betont Sabine Rauscher, Stationsleiterin auf der Frühchenstation des Caritas-Krankenhauses.

Tanja Franke kam täglich mehrere Stunden auf die Station, um sich um Johannes  zu kümmern, abends wechselte sie sich mit ihrem Mann bei der Betreuung ab. Von Anfang an machte Dr. Willaschek den Eltern klar, dass Johannes noch mehrere Monate besondere Unterstützung brauchen werde. "Bei Frühgeborenen sind die Organe, vor allem die Lunge, die Verdauung und das Immunsystem noch nicht ausreichend entwickelt, die Babys daher mit einem erhöhten Krankheitsrisiko  belastet."  Wichtig  sei es zunächst, mit möglichst milden Atemhilfen die noch unreifen Lungen zu unterstützen. Entscheidend sei außerdem die Nährstoffzufuhr. "Ungeborene nehmen über die Plazenta Unmengen von lebensnotwendigen Nährstoffen auf, die für die Reifung von Hirn und Lunge sorgen. Wir müssen versuchen, diese Nährstoffe dann von außen zuzuführen“, erläutert der Neonatologe. Oft dauere es aber mehrere Tage, bis der Magen-Trakt des Babys die Nahrung vertrage. Auch gelinge es vielen Frühchen anfangs nicht, die komplexen Vorgänge beim Stillen – saugen, schlucken und atmen – zu koordinieren. Mit strengen Hygienemaßnahmen versuche man auf der Frühchenstation zugleich das hohe  Infektionsrisiko  zu kontrollieren.

"Es gibt auch die Gefahr von Augenschäden, da das Einwachsen der Blutgefäße in die Netzhaut gestört sein kann“, so Dr. Willaschek. Durch eine sorgfältige Überwachung der Sauerstoffversorgung seien solche Komplikationen heute jedoch weitestgehend auszuschließen. Auch  die Gefahr des Auskühlens sei durch ein gutes Temperaturmanagement heute nahezu gebannt. Als weitere schwere Risiken fürchten die Ärzte außerdem Hirnblutungen oder eine Darmperforation, das sogenannte  NEC-Syndrom.

"Wir schaffen das"

"Je unreifer ein Kind bei der Geburt ist, umso höher ist das Risiko, solche Komplikationen zu entwickeln“, betont Dr. Willaschek. „Aber der größte Teil der Kinder, die nach der 28. bis zur 30. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, sind gesund“, macht er den Eltern Mut. Auch für den kleinen Johannes und seine Eltern begann nach der Geburt eine Zeit mit Höhen und Tiefen. "Anfangs habe ich täglich mehrmals Muttermilch abgepumpt, die die Krankenschwestern ihm über die Magensonde gefüttert haben“, erzählt Tanja Franke. "Man starrt auf die Anzeige der Waage und freut sich über jedes Gramm, das er zugenommen hat. Als Johannes dann an der Brust trinken konnte und das Stillen funktionierte, nach all der Energie, die ich da reingesteckt habe – das war für mich ein wunderschöner Moment.“ Doch kurz vor der geplanten Entlassung kam dann doch noch ein Rückschlag: Johannes hatte einen beidseitigen Leistenbruch, der operiert werden musste – eine weitere häufige Komplikation bei Frühchen. „Doch Johannes war von Anfang an ein Kämpfer“, betont sein Vater. "Und als er dann auch noch die Leisten-OP so gut verkraftet hat, da wusste ich: Wir schaffen das.“

"Am Anfang braucht man jeden Tag ganz viel positive Kraft und Energie, und jeder kleine Fortschritt ist wichtig und hilft dabei, neue Kraft zu schöpfen“, blickt Tanja Franke auf die ersten Lebenswochen von Johannes zurück. „Dabei haben wir uns hier im Caritas immer in guten Händen gefühlt.“ Und doch war es für die Familie ein „Glückstag“, als sie gemeinsam die Klinik verlassen konnten. Am 16. November  –  zwölf  Tage  vor  dem ursprünglich errechneten Geburtstermin – durften sie Johannes endlich mit nach Hause nehmen. Seither leben sie den ganz normalen Alltag einer Familie mit Baby zu Hause. Nur einmal musste Johannes noch ins Krankenhaus zurückkehren: Ende April erkrankte er an einer Bronchitis, die zum Glück glimpflich verlief.

Rat, Austausch und Förderung

Das Stillcafé ist eine gute Unterstützung etwa bei Ernährungsfragen, wenn es ums Zufüttern geht oder bei anderen Alltagsthemen.

Bis heute besucht Tanja Franke regelmäßig das Stillcafé in der Klinik, sucht Rat bei der Stillberaterin Anita Tiefenbach und genießt den Austausch mit anderen Müttern dort. „Das ist eine gute Unterstützung etwa bei Ernährungsfragen, wenn es ums Zufüttern geht oder bei anderen Alltagsthemen – Anita Tiefenbach weiß immer weiter.“ Johannes isst inzwischen am Tisch mit und kaut mit seinen zwei Zähnen begeistert auf Brötchen und sogar schon auf Fleischstückchen herum. Bis heute hält die Mutter dennoch an dem engen Körperkontakt zu Johannes fest, trägt ihn so oft es geht im Tragetuch. Unterstützung hat sich Tanja Franke auch bei dem Physiotherapeuten und Kinder-Bobath-Spezialisten Giulio Pesenti geholt. Er bietet im Caritas-Krankenhaus einen Kurs zur „Motorischen Entwicklungsförderung MEF“ von Babys im ersten Lebensjahr an. Mit der Entwicklung von Johannes ist Giulio jetzt am Kursende sehr zufrieden. „Johannes hat toll aufgeholt und bewegt sich super. Er braucht keine zusätzliche Krankengymnastik  mehr.“

Eine Einschätzung, die der Kinderarzt Dr. Willaschek bei der Kontrolluntersuchung kurz vor dem ersten Geburtstag von Johannes nur bestätigen kann. "Johannes hat nahezu alle Entwicklungsrückstände eines Frühchens aufgeholt. Er entwickelt sich völlig altersgerecht und dabei legen wir im Moment noch den eigentlich errechneten Geburtstermin vom 28. November zugrunde.“ Dabei sei Johannes mit seinem sonnigen Lächeln zwar ein besonders schönes Beispiel für die Entwicklung eines Frühchens. „Aber es ist zugleich eine typische Entwicklung für ein Frühchen  aus  der 30. bis 32. Woche. Diese Babys haben heute eine hervorragende Prognose und sind in der Regel nach zwei Jahren nicht mehr von einem termingerecht entbundenen Kind zu unterscheiden.“

TEXT: UTE EMIG-­LANGE | FOTOS: CHRISTEL NOWAK

 
 
 
 
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