Grundlegend sei dabei „die Auseinandersetzung mit der Frage, was menschlich, sozial, ethisch verantwortungsvoll, gerecht und kostenbewusst ist“, betonte der Freiburger Erzbischof Dr. Robert Zollitsch beim 3. Ärztetag am Caritas-Krankenhaus und bot die aktive Beteiligung der katholischen Kirche an dieser Diskussion an. Zugleich sprach er sich dafür aus, bei der Finanzierung des Gesundheitssystems den Staat künftig stärker in die Verantwortung zu nehmen. „Es wird durch die demographische Entwicklung künftig nicht mehr möglich sein, das Gesundheitssystem allein aus den Beiträgen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu finanzieren“, erklärte Zollitsch. „Hier muss künftig die gesamte Gesellschaft stärker beteiligt werden.“
Wettbewerb zum Wohl des Menschen
Beim Ärztetag im Caritas-Krankenhaus stand in diesem Jahr das Thema „Ethisches Handeln in der Medizin: Arztsein in der Spannung zwischen Ökonomie und Ethik“ im Mittelpunkt. Vor mehr als 350 Gästen verwies Erzbischof Dr. Robert Zollitsch in seinem einführenden Vortrag auf die grundsätzlich positive Haltung der katholischen Kirche zum marktwirtschaftlichen Wettbewerb auch im Gesundheitswesen. Dieser Wettbewerb müsse jedoch das Wohl des Menschen zum Ziel haben. Eine Orientierung ausschließlich an marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten lehnte er ab und sprach sich vielmehr für ein solidarisches Gesundheitssystem aus. Zollitsch: „Ich bin der Überzeugung, ein System ist nicht dann sozial, wenn es alle gleich behandelt, sondern wenn es dem Einzelnen gerecht wird, wenn sicher ist, dass niemand ausgeschlossen ist und die Gemeinschaft übernimmt, was die Möglichkeiten des Einzelnen übersteigt.“ Die Prinzipien von Personalität, Solidarität und Subsidiarität seien hierfür die besten sozialethischen Orientierungen.
Warnung vor medizinischem "Machbarkeitswahn"
Der Erzbischof würdigte in seiner Rede die besondere Rolle des Arztes in der Spannung zwischen Ökonomie und Ethik. Mit erfrischender Klarheit zeigte er den Ärzten Perspektiven auf, den verschärften äußeren Rahmenbedingungen auf der Grundlage einer christlichen Ethik zum zu begegnen. Zunächst warnte er vor überzogenen Ansprüchen an den Arzt und vor einem „medizinisch-biochemischen Machbarkeitswahn“. „Gesundheit ist nicht jederzeit wieder herstellbar“, stellte Zollitsch klar. Die Möglichkeiten der medizinisch technischen Entwicklung dürften nicht zu der Vorstellung verführen, Leben und Gesundheit lägen allein in der menschlichen Verfügungsgewalt. Zollitsch: „Leben und Gesundheit sind Gaben Gottes.“ Daraus ergebe sich für den Arzt die Maxime „Für das Leben kämpfen – um die Grenzen wissen“.
Sterben als Teil des Lebens begreifen
Der Erzbischof forderte eine neue Sicht auf das Sterben: Sterben müsse als Teil des Lebens begriffen werden und „nicht als Scheitern aller Bemühungen um den Kranken“. Die Konsequenz im Alltag, so der Erzbischof: Der Arzt müsse nicht Alles tun, was medizintechnisch möglich sei, um ein Menschenleben zu verlängern, wenn der Patient dies nicht ausdrücklich wünscht. Daraus ergibt sich für Zollitsch allerdings auch die Forderung an die Politik, die Ärzte in dieser Frage „rechtlich zu entlasten“.
Wertschätzende Zuwendung des Arztes zum Patienten
Aus der christlichen Ethik leitete der Erzbischof auch das besondere Selbstverständnis des Arztberufes ab. Aus christlicher Sicht könne von einer „Berufung des Arztes“ gesprochen werden. Dies sei weit mehr als die Erfüllung eines „Jobs“. Daher appellierte Zollitsch an die Mediziner, sich nicht nur für die „Reparatur eines bestimmten körperlichen Defekts“ zuständig zu fühlen, sondern den kranken Menschen mit „wohlwollender und wertschätzender Zuwendung“ zu begleiten. Den Patienten mit dieser inneren Haltung, einer besonderen „Herzensbildung“ zu begegnen, sei gemeinsames Grundverständnis von Ärzten, Pflegekräften und Klinikseelsorgern.
Für eine bessere Honorierung der menschlichen Zuwendung
Auch diesen Gedanken verband der Erzbischof in der anschließenden Diskussion mit einer klaren Forderung an die Politik: Es müsse eine neue „Rangordnung“ bei der Honorierung von ärztlichen Leistungen geben, verlangte er. „Bisher wurde hier sehr stark auf den technischen Fortschritt gesetzt und nicht so sehr auf den Arzt, der sich dem Menschen zuwendet.“ Dies müsse man jetzt wieder aufholen.
Diese Forderung unterstützte der Ärztliche Direktor des Caritas-Krankenhauses, Prof. Dr. Christoph Eingartner. „In den offiziellen Personalberechungen für Klinikärzte seien zwar Zeiten für OP, Visite und Dokumentation hinterlegt, nicht aber für Zuwendung zum Patienten.“
Mehr Zeit für den Patienten
Mehr Zeit für die persönliche Zuwendung mahnte auch die die stellvertretende Bürgermeisterin von Bad Mergentheim, Manuela Zahn, an. Zeit fehle auch um den Patienten, die praktischen Veränderungen im Gesundheitswesen zu erklären, bemängelte sie. „Die Patienten werden ständig mit weniger Qualität konfrontiert, als sie früher gewohnt waren.“ Das stoße im Alltag oft auf Unverständnis.
Aufklärung und Information der Patienten sei eine Aufgabe der Krankenkassen, ergänzte die stellvertretende Geschäftsführerin der AOK Heilbronn-Franken, Michaela Lierheimer, und verteidigte damit auch die zahlreichen Werbe- und Infobroschüren der Kassen.
Praxen brauchen modernes Management
Patienten und Ärzte müssen umlernen, forderte dagegen ganz klar der niedergelassene Urologe und Geschäftsführer der Urologioschen Netzwerk Organisation UNO, Dr. Alwin Weber. „Wir Ärzte müssen lernen unsere Gewohnheiten zu ändern“, betonte er. „Wir brauchen ein modernes Praxismanagement und ein gut strukturiertes Zeitmanagement. Dann haben wir auch genügend Zeit für die Zuwendung zum Patienten.“